Digitalisierung

„Manche hoffen noch, die Digitalisierungswelle geht wieder vorüber“

Foto: Siemens
Marina Kinschel: „Um als Konzern tatsächlich innovativ zu sein, braucht es teils andere Arbeitsformen, sowie extra dafür geschaffene Freiräume. Und auch eine Fehlerkultur, die Experimente zulässt.“
Foto: Siemens

Die aus Österreich stammende Wirtschaftspsychologin und Betriebswirtin Marina Kinschel ist in der Münchner Zentrale der Siemens AG für alle konzernweiten Digitalisierungsprojekte verantwortlich. Im Interview spricht sie darüber, wie weit sich unsere Arbeitswelt noch weiter verändern könnte. Und was sich in unseren Köpfen abspielen wird.

von: Leo Szemeliker

Austria Innovativ: Frau Dr. Kinschel, Sie sind seit zwei Jahren im Siemens-Konzern als Global Project Manager für Digitalisierung tätig, kommen aber ursprünglich aus dem Bereich Human Resources und sind promovierte Psychologin. Wie ausschlaggebend ist der Faktor Mensch, wenn es um Digitalisierungsprojekte in einem Konzern wie Siemens geht?

 

Marina Kinschel: Grundsätzlich gilt: Ohne den Menschen gibt es keine Innovation, keinen Fortschritt in der Forschung, auch keine Digitalisierung. Auch wenn Siemens die Umsätze mit technischen Produkten und mit Service-Leistungen macht, sind es doch die Menschen, die diese konzipieren, entwickeln, bauen, implementieren, warten und so weiter. Einer der Erfolgsfaktoren bei der Digitalisierung ist daher der richtige Mindset, zusätzlich zu den richtigen strategischen Unternehmensentscheidungen und der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle.

 

AI: Wenn Sie sich die moderne Wirtschaftswelt vor Augen führen: Sehen Sie sich bei Siemens insgesamt oder in einzelnen Bereichen als „Vorreiter“ der Digitalisierung oder eher als Follower? Wo sehen Sie Entwicklungspotenzial?

 

MK: Bedingt durch die Größe des Konzerns lässt sich das pauschal nicht beantworten. Es gibt einige Bereiche, die zu den absoluten Frontrunnern zählen. Andere wiederum haben Aufholbedarf. Wenn wir über Digitalisierung sprechen, gilt es, sich jeweils die Bereiche sowie die einzelnen Länder im Detail anzusehen. Die Digitalisierung trifft in Afrika oder Südamerika auf ganz andere Herausforderungen als beispielsweise in China oder Singapur. In Singapur wird aktuell beispielsweise ein eigener Hub von Siemens für die Stadt gegründet und aufgebaut, hier ist man Frontrunner. Aber selbst in Europa sind die Unterschiede teils noch groß. Nichts desto trotz: Ich sehe hausinternen Entwicklungsbedarf, vor allem wenn es um Prozesse, Kultur oder den vorhin angesprochenen Mindset geht. Zudem werden wir noch viel Aufmerksamkeit auf interne Aus- und Weiterbildung richten müssen. Auch die ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für das Gelingen der Digitalisierung. Wir werden künftig mehr Kompetenz im Umgang mit Geschwindigkeit brauchen, jedoch auch bei den kontinuierlichen Weiterentwicklungen, Veränderungen, bei Flexibilisierung und Komplexität. Hier gibt es noch deutlich Luft nach oben, insbesondere was das Verständnis dafür betrifft.

 

AI: Das heißt, es kommt noch einiges an Veränderung in der Arbeitswelt auf uns zu?

 

MK: Ja. Denn um als Konzern tatsächlich innovativ zu sein, braucht es teils andere Arbeitsformen, sowie extra dafür geschaffene Freiräume. Und auch eine Fehlerkultur, die Experimente zulässt. Man muss aber auch sagen, dass wir diesen experimentellen Mindset in Teilen dringend brauchen, aber nicht überall. Denn in manchen Bereichen kann zu viel Experimentieren fatale Folgen haben. Auf der anderen Seite werden wir zukünftig wie auch schon in der Vergangenheit gewisse Jobs nicht mehr benötigen. Hier müssen wir unsere Mitarbeiter/innen rechtzeitig durch frühzeitigen Kompetenzaufbau mit auf den Weg nehmen.

  

AI: Was macht Siemens in der Digitalisierung anders als andere?

 

MK: Generell hat der Siemens-Konzern durch die Portfoliobandbreite und der Unternehmensgröße einen erheblichen Wettbewerbsvorteil. Wir haben Unmengen an Maschinen, die weltweit bei Kunden im Einsatz sind. Diese generieren entsprechend viele Daten. Da eröffnet sich ein neues Geschäftsfeld, wie beispielsweise die Sammlung und intelligente Nutzung von Daten über die industrielle Internet-of-Things-Plattform Mindsphere. Zudem investiert Siemens sehr viel in Allianzen, in R&D, in Innovationen, in Weiterbildung, um den Konzern ganzheitlich voran zu bringen. Next47 wurde beispielsweise als eigenständige Einheit für Startups gegründet, um disruptive Ideen stärker zu fördern und neue Technologien schneller voranzutreiben. Wir bündeln damit das bisherige Engagement für Startups und investieren dafür mehr als eine Milliarde Euro. Bei den 350.000 Mitarbeitern weltweit bedingt die Digitalisierung je nach Branche detailliertes Know-how, sie erfordert den Auf- und Ausbau völlig neuer Kompetenzen sowie insgesamt eine agilere Kultur. Es passiert also eine ganze Menge.

 

AI: Was sind die Widerstände, auf die Sie in Ihrem Job stoßen? Treffen Sie mehr auf Begeisterung oder mehr auf Ängste?

 

MK: Wie bei jeder Veränderung reagieren die Kolleg/innen teils mit Neugierde, teils mit Angst, teils neutral, teils sehr offen. Viele halten Digitalisierung und die dahinter liegenden Technologien für unüberwindbare Hürden. Oder sie glauben, es sei für Personen ohne IT-Background nicht zu verstehen. Ich denke, die meisten Technologien sind durchaus für jedermann verständlich, wichtig ist, diese greifbar und erlebbar zu machen, Ängste abzubauen und Neugier zu wecken. Der größte Widerstand entsteht meistens dann, wenn es Führungskräften klar wird, dass es um gravierende Änderungen geht. Oder dass Jobs abgebaut werden müssen. Viele versuchen möglichst lange am Gewohnten und Bestehenden festzuhalten. Manche hoffen sogar noch darauf, dass die Digitalisierungswelle schon wieder vorübergehen wird. Die muss ich enttäuschen.

 

AI: Versuchen wir einen Blick in die Glaskugel. Woran werden wir in zehn Jahren besonders deutlich merken, dass sich die Arbeitswelt verändert hat?

 

MK: Wir werden einen höheren Flexibilisierungs- und Individualisierungsgrad haben. Häufig wiederkehrende Tätigkeiten werden durch Systeme, Maschinen und Computer ausgeführt werden. Eventuell wird es mehr Roboter und andere Maschinen am Arbeitsplatz geben, die tatsächlich intelligenter und schneller sind als wir. Es werden keine PC-Monitore mehr im Büro stehen. Stattdessen wird vermehrt auf Virtual-Reality-Systeme in Form von Brillen oder Linsen mit Hologrammen gesetzt. Das so genannte Holoportieren von Menschen hat ja Microsoft mit seiner Augmented-Reality-Brille jetzt schon vorgeführt.

 

AI: Welche konkreten Siemens-Projekte erachten Sie in dem Zusammenhang als besonders zukunftsweisend?

 

MK: Da gibt es viele. Siemens Real Estate baut beispielsweise in Erlangen einen ganzen Stadtteil mit Bürogebäuden, Einheiten für Forschung und Entwicklung, für Startups, Wohn- und Übernachtungsmöglichkeiten et cetera. Hier wollen wir bereits beim Bau vorausplanen, wie wir in zehn, in zwanzig, in dreißig Jahren arbeiten werden und müssen eigentlich dafür Technologievorkehrungen treffen, die es per Stand heute noch gar nicht gibt. Ich war beim Kick-off des Projektes dabei. Ich kann Ihnen bereits jetzt sagen: Es wird gravierende Änderungen geben. 


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