Interview

„Wir müssen an unseren Bildern im Kopf arbeiten“

FHS/Moser
Raimund Ribitsch: „Ich sehe den tertiären Bildungsbereich als einen, der Lebenszyklen und ständigen Evaluierungen unterworfen ist. Da besteht durchaus ein Wettbewerb der Fähigkeiten.“
FHS/Moser

Raimund Ribitsch, Geschäftsführer der FH Salzburg und Präsident der Fachhochschul-Konferenz (FHK) geht davon aus, dass es künftig mehr FH-Standorte geben wird. Er fordert zur Sicherung dieser künftigen Ausbildungsplätze mehr gemeinsame Anstrengungen von Bund, Ländern und Gemeinden.

von: Harald Hornacek

AUSTRIA INNOVATIV: Nächstes Jahr werden die Fachhochschulen 25 Jahre alt. Dürfen wir ausnahmsweise schon etwas früher gratulieren und fragen, wie es dem baldigen Geburtstagskind geht?

Raimund Ribitsch: Ja, wir feiern nächstes Jahr wirklich schon 25 Jahre Fachhochschulen....uns gibt es bekanntlich seit 1994 in Österreich. Mit der Schaffung der FHs wollte der Gesetzgeber damals eine Lücke im österreichischen Hochschulwesen schließen und eine wissenschaftlich fundierte Berufsausbildung auf Hochschulniveau ermöglichen. Eine solche Ausbildungsmöglichkeit gab es in anderen EU-Staaten ja schon, kurz vor dem EU-Beitritt Österreichs wurde diese Lücke dann geschlossen. Zum Start haben wir im Sektor insgesamt zehn Studiengänge angeboten, die von rund 700 Studierenden besucht wurden. Die Fachhochschulen wurden in Österreich sehr gut angenommen und so entwickelte sich dieser Hochschulsektor seitdem sehr rasch und wurde stark ausgebaut. Heute haben wir und 52.000 Studierende – eine echte Erfolgsstory!

AI: Was ist denn für Sie der vielleicht wichtigste Aspekt dieser Geschichte?

RR: Abgesehen von dem enormen Interesse an unseren Angeboten und der starken Nachfrage in der Wirtschaft nach unseren AbsolventInnen, freut es mich sehr, dass wir vor allem unter dem Aspekt der Regionalisierung sehr viel erreicht haben: 14 unserer 21 Standorte sind außerhalb von Universitäts-Städten. Allerdings folgt daraus, dass – einfach gesagt – jede Bürgermeisterin und jeder Bürgermeister gerne eine FH bei sich hätte. Man kann aber infrastrukturelle Probleme, die in ländlichen Regionen aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen vorherrschen, nicht mit der Ansiedelung einer FH lösen. Und doch werden wir gerade im Lichte der Regionalisierung auch künftig sehr starke Akzente setzen, und zwar im Zusammenhang mit der Pflegeausbildung. Ab 2024 wird die Diplompflege ja nur noch an den FHs angeboten, während Pflegeassistenzberufe weiterhin an den Krankenhaus-Akademien unterrichtet werden.

AI: Das heißt, es werden neue FH-Standorte aus dem Boden sprießen?

RR: Wir werden sicherlich neue Standorte in unterschiedlichen Größen dort haben, wo es von der speziellen Ausbildung her Sinn macht – beispielsweise in der Nähe von oder vielleicht auch direkt an Krankenhäusern. Es könnte auch sein, dass neue Krankenhäuser in den ländlichen Regionen gleich mit einer FH mit Schwerpunkt Pflege errichtet werden. Da gibt es durchaus viel Fantasie und in diesem Bereich ist sehr viel in Bewegung. In diesem Kontext sehe ich auch die Fachhochschulen: als regionale Innovationstreiber, als Partner der Klein- und Mittelbetriebe und auch der außeruniversitären Forschung in den Gebieten außerhalb der großen Ballungsräume. Da haben wir noch sehr großes Potenzial, und künftig werden unsere Leistungen noch stärker als bisher nachgefragt werden. Wir sehen beispielsweise in Oberösterreich und  auch in Niederösterreich, welche Sogwirkung eine FH in Verbindung mit industriellen Betrieben haben kann. Ich sage aber auch klar, dass wir das Prinzip der FH nicht ad infinitum überstrapazieren können und auch nicht wollen. Wir haben uns dem Qualitätsprinzip verschrieben, und allein dies gibt eine gewisse Limitation vor.

AI: Von wie vielen neuen FH-Standorten sprechen wir also?

RR: Wir rechnen mit rund 5-10 neuen Standorten, vorrangig in Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Niederösterreich, die sich ausschließlich mit dem Thema Pflege beschäftigen werden. Ich gehe davon aus, dass ein erheblicher Anteil des künftigen Zuwachses an FH-Studierenden sich aus diesem Bereich rekrutieren wird. Denn hier geht es gar nicht um das Angebot oder die Nachfrage nach Pflege an sich, sondern wir sehen derzeit im Gesundheitswesen eine Entwicklung, welche die Entstehung von regionalen medizinischen Vorsorge- und Versorgungszentren fördert und auch verlangt. Mittels primary health care centers soll ja künftig eine breite medizinische Versorgung gerade in ländlichen Regionen gesichert werden. Arzt, Pflegefachkräfte, Physiotherapie, Psychotherapie, das alles wandert immer mehr unter ein Dach. Deshalb spielt die gehobene Qualität und damit verbunden die hochwertige Ausbildung im Pflegebereich künftig auch eine so große Rolle. Wir bewegen uns da ganz nah an den Leitlinien der Gesundheitspolitik.

AI: Denken Sie, dass Sie überhaupt so viele Studierende bekommen werden, wie Sie benötigen oder einplanen? Pflegeberufe sind heute schon Mangelberufe.

RR: Ich glaube, wir müssen an den Bildern, die wir im Kopf haben arbeiten. Denken wir an die Lehre: Früher hieß es oft, ein Lehrling wird der, der die Matura oder die höhere Schule nicht schafft. Die Unternehmen bemühen sich derzeit händeringend, gute Lehrkräfte zu bekommen. Es gibt seit einigen Jahren mit der „Lehre mit Matura“ ein sehr attraktives Angebot. Und genauso müssen wir in der Pflege agieren: Kommunizieren, wie vielfältig dieser Beruf ist, welchen Nutzen er hat, wie man damit Gutes für sich selbst und andere bewirken kann. Klar ist: Wir brauchen auf lange Sicht mehr Ausbildungsplätze gerade in der Pflege, und daher bedarf es auch einer finanziellen Planbarkeit. Heutige Schätzungen gehen davon aus, dass wir an den FHs 4.000-5.000 neue Studierende haben werden, allein aus dem Titel der Pflege heraus. Da sind gemeinsame Anstrengungen von Bund, Ländern und Gemeinden gefordert, um diese Ausbildungsplätze auch zu sichern.

AI: Sie sprechen den Entwicklungsplan der FH an?

RR: Ja, natürlich, denn wir als FHs müssen entsprechend verantwortlich planen und unsere Leistungen auch hochwertig anbieten können. Der aktuelle Evaluierungs- und Finanzierungsplan läuft nun aus, es sind jetzt die Vereinbarungen für die nächsten fünf Jahre zu treffen.

AI: Wie zuversichtlich sind Sie denn, entsprechend gehört zu werden?

RR: Ich habe in 20 Jahren in diesem Geschäft schon viel erlebt. Gutes und weniger Gutes. Leider hat es die klaren Aussagen für die Perioden von fünf Jahren nicht immer gegeben. Aber wenn Finanzierungstangente, Bedeckung und Ausbaupläne mit einer qualitativen Weiterentwicklung und Finanzierung der Fachhochschulen einher gehen, bin ich sehr zufrieden. Hoffen wir das Beste. Die Bundesregierung hat sich ja zu einem klaren Ausbau von Aus- und Weiterbildung kommittiert.

AI: Wie sehen Sie die fast schon mantraartige Fokussierung auf den MINT-Bereich?

RR: Eigentlich differenziert. MINT allein ist zu wenig. Wir müssen heute vielmehr danach trachten, Schnittstellenkompetenzen zu fördern und zu fordern. Technik, Gesundheit, Medizin und Wirtschaft verschmelzen immer mehr miteinander. Da werden wir künftig Menschen brauchen, die Fähigkeiten in allen Bereichen mit sich bringen Und gerade da, davon bin ich zutiefst überzeugt, hat der FH-Sektor sehr, sehr gute Angebote. Beispielsweise bietet der Studiengang MultiMediaTechnology heute Wissen zur Interaktion zwischen Mensch und Maschine – ein Thema, das in der Industrie nachgefragt ist wie kaum ein anderes und für das kaum ExpertInnen gefunden werden. Solche AbsolventInnen sind von der Industrie überaus gefragt. Heute sind Maschinen eher Erfüllungsgehilfen, durch die steigende Komplexität, ja auch künstliche Intelligenz, werden sie zu echten Partnern im Produktionsprozess, die geleitet und gesteuert werden müssen. An solchen Projekten arbeiten wir, solche Themen unterrichten wir.

AI: Sie richten sich also auch nach dem, was in der Industrie gefordert ist. Da können Sie sich natürlich freier bewegen als die Universitäten.

RR: Ich sehe den tertiären Bildungsbereich als einen, der Lebenszyklen und ständigen Evaluierungen unterworfen ist. Da besteht durchaus ein Wettbewerb der Fähigkeiten: Der Studiengang Digital TV und interaktive Dienste ist heute nicht mehr vorhanden, weil wir ihn aufgrund der rasanten Entwicklungen im technologischen Bereich aus dem Programm genommen haben, die Inhalte aber in neue Angebote überführt und erweitert haben. „Time to Market“ ist auch in der Bildung ein entscheidender Erfolgsfaktor geworden. Da hilft es uns beispielsweise, dass rund 50 Prozent unserer Lehrenden externe ExpertInnen sind. Das schafft für uns Profit und große Praxisnähe und unsere Studierenden.

AI: Erstaunlicherweise sind die Studiengebühren bei den FHs kein Thema. Woran liegt das?

RR: Wir hatten immer den Anspruch oder die Erwartung einer gewissen Verbindlichkeit im Studium. Und es gab auch keine Probleme mit der Studierendenvertretung in dieser Frage. Daher heben wir die gesetzlich möglichen 363 Euro pro Semester ein, die auch nicht unerheblich zum Gesamtbudget einer FH beitragen – bei uns an der FH Salzburg sind das rund 7 Prozent. Wir schließen Ausbildungsverträge mit unseren Studierenden ab, die auf gegenseitige Leistungserwartungen aufgebaut sind. So sind wir heute mit unseren österreichweit rund 52.000 Studierenden sehr gut aufgestellt.

AI: Laut „Zukunft Hochschule“ sollen ja künftig viel mehr Menschen an FHs studieren. Schaffen Sie die geplanten Zuwächse eigentlich?

RR: Zunächst einmal ist der Bedarf an einem FH-Studium gegeben. Wir hatten in der letzten Ausschreibungsrunde des Ministeriums eine vierfache Überbuchung: 450 Neuanfänger waren ausgeschrieben, 1700 Studienplätze wurden beantragt. Ich illustriere das gerne an einer Vergleichszahl: Die FHs weisen jährlich so viele BewerberInnen ab, wie St. Pölten EinwohnerInnen hat. Und selbst die, die abgewiesen, sind qualifiziert. Und wir haben ja bei den Beginnern auch gewisse Kriterien zu berücksichtigen, die uns gesetzlich aufgetragen werden: Herkunft, Kohortenbildung nach Lehre oder AHS, Studienplatzanzahl je nach Studiengang – solche Aspekte sorgen für eine strenge Objektivierung. Und die FHs haben eben nicht mehr Plätze zu vergeben. Somit wären wir froh, würden wir mehr Leute aufnehmen können. Und die FHs würden auch die derzeit im Raum stehenden rund 60.000 Studierenden bewältigen können. Aber dazu müssten die Länder und auch die Kommunen verstärkt mitgehen. Der Bund muss also die erforderlichen finanziellen Rahmenbedingungen definieren und vor allem sicherstellen. Klare Antwort auf Ihre Frage: Der FH-Sektor kann den künftigen Bedarf gut abdecken, braucht aber in dieser Hinsicht auch das entsprechende Bekenntnis dazu von Bund, Ländern und Kommunen.

AI: Also einfach mehr Geld für die FHs?

RR: Als Präsident der Österreichischen Fachhochschul-Konferenz ist es meine Aufgabe, die Rahmenbedingungen für den weiter erfolgreichen Weg der Fachhochschulen sicher zu stellen. 2018 ist es mein Ziel, den nächsten fünfjährigen Entwicklungs- und Finanzierungsplan mit dem Wissenschaftsministerium zu verhandeln und abzuschließen. Dieser muss die Beibehaltung der aktuell gültigen Fördersätze über das Jahr 2018 hinaus beinhalten und den Fachhochschulen einen weiteren Ausbau ihres Angebots ermöglichen. Vor allem geht es zunächst um das Bekenntnis, dass Personalkosten eben jährlich steigen. Das muss finanziert werden. Da hat auch das BMBWF eine gewisse Pflicht. Eine regelmäßige Valorisierung ist absolut nötig. Und wenn wir, wie gefordert, die angewandte Forschung und Entwicklung ausbauen wollen, dann werden nachhaltige öffentliche Mittel dazu beitragen müssen. Der gesamte FH-Sektor erzielt derzeit soviel Drittmittelerlöse wie die Universität Wien. Wir haben ja keine Forschungsgrundfinanzierung, aber Projektfinanzierungen wie jene für Josef Ressel Zentren. Da wäre also einiges zu tun.

Das nächste Thema ist die Personalentwicklung in Forschung und Entwicklung: Für F&E braucht es DoktorandInnen. FHs haben auf diese nur über Doktorats-Kooperationen mit Unis Zugriff, und da sind sie vom Interesse der Unis an solchen Kooperationen zu FH-nahen Forschungsthemen abhängig. Daher sehe ich das Doktoratsstudium an der FH als Langfristforderung. Wenn wir diese anbieten können, würde das die Forschungslandschaft in Österreich enorm beleben.

AI: Allerdings ist fraglich, ob sich dieser Wunsch je erfüllen lässt.

RR: Dennoch wollen wir ihn immer wieder vorbringen und können ihn auch gut argumentieren: Die Weiterentwicklung im F&E-System erfordert schlicht neue anwendungsnahe Zugänge. Wir können dort ansetzen, wo quantitative und qualifizierte Weiterentwicklungen in F&E nötig und gewünscht sind. Daher könnte man eigene Budgets für Kooperationen implementieren, die von FHs beantragt werden können. Wir wollen unseren guten und berechtigten Willen kundtun und nicht von den Universitäten allein abhängig sein.

AI: Wie stehen Sie zur Frage der gemeinsamen Studiengänge allgemein?

RR: Da gibt es viel Luft nach oben, keine Frage. Aktuell gibt es drei gemeinsame Studiengänge von Unis und FHs, das sollten künftig durchaus mehr werden. Hier gibt es viele gemeinsame Überschneidungen, die die FHs nützen sollten und auch werden. Das ist sicherlich eines der Ergebnisse aus dem Projekt Zukunft Hochschule, die direkten Nutzen im Bildungssystem bringen. Dazu braucht es die Steuerung des BMBWF als ureigene Aufgabe des Ministeriums. Aber ich sehe unser Drängen auf Weiterentwicklung des gesamten Hochschul- und Forschungssystems auch aus der Perspektive der FH-Geschichte selbst heraus begründet. Wir sind ein recht junger Sektor, im Bildungsbereich gewissermaßen ein Start-up. Das Gründungsfeuer brennt stark, wir wollen und dürfen uns nicht mit dem Erreichten zufrieden geben. Diese Motivation, diese Begeisterung für frische Zugänge, die fasziniert mich bis heute.


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