Interview

Forschung in Wien: Vernetzung besser fördern

Pfizer
Robin Rumler: "Eine starke Forschungspolitik bietet unglaubliche Vorteile für ein Land."
Pfizer

Prof. Dr. Robin Rumler, Geschäftsführer Pfizer Austria, über die Stärken des Wissenschaftsstandortes Wien, die Bedeutung des Health Hub Vienna sowie die Chancen von Open Innovation.

von: Harald Hornacek

Warum engagiert sich Pfizer im Health Hub Vienna? Welche Erwartungen setzen Sie in Ihr Engagement dort?

Das österreichische Gesundheitswesen gehört zu einem der besten der Welt. Alle die in diesem System tätig sind wissen aber auch, dass wir in manchen Bereichen dringend daran arbeiten müssen, dass das auch in Zukunft so bleibt. Wir hören z. B. von Patienten, wie lange es manchmal dauert zur richtigen Diagnose zu kommen oder dass sie oft nicht wissen, an welchen Arzt sie sich eigentlich wenden sollen. Wir stehen bei bestimmten Untersuchungen an der Kapazitätsgrenze, wodurch oft lange Wartezeiten entstehen. Wir haben Herausforderungen bei den Themen Gesundheitsbewusstsein, Prävention, Pflege und Rehabilitation. Und natürlich lastet ein hoher finanzieller Druck auf dem Gesundheitssystem als Ganzes.

Die gute Nachricht: Es gibt viele, die sich bereits mit Lösungen für diese Herausforderungen beschäftigten – darunter zahlreiche Start-ups. Genau diese innovativen Köpfe wollen wir u. a. durch unser Engagement im Health Hub Vienna fördern. Das Besondere am Health Hub Vienna ist neben den auf Health-Startups zugeschnittenen Workshops vor allem das starke Partner-Netzwerk – von universitären Einrichtungen über Versicherungen, Medizintechnik-  und Pharmaunternehmen bis hin zu erfolgreichen Gründern mit laufendem Business. Dadurch entstehen Benefits für beide Seiten: Start-ups profitieren von den Kontakten zu Partnern und Mentoren, deren Tipps und Insights. Pfizer bietet z. B. ein Experten-Netzwerk von F&E und Medizin, über Produktion bis zum Vertrieb – und das in über 100 Ländern weltweit. Umgekehrt bietet sich uns als Unternehmen die Chance neue Ideen und Lösungen passend zu unserem Business zu entdecken und dabei gleichzeitig von der Start-up-Kultur zu lernen. Mit dem gemeinsamen Ziel vor Augen – nämlich etwas für die Gesundheit der Menschen zu bewegen – können wir viel erreichen.

Open Innovation im Gesundheitsbereich ist ein Trend-Thema. Worin liegen hier aber die Schwierigkeiten, beispielsweise wenn es darum geht, Lizenzen/Patente für neue/verbesserte Produkte zu erhalten?

Ich sehe Open Innovation grundsätzlich als riesige Chance. Aber ja, gerade die rechtlichen Fragen oder Lizenzthemen machen es herausfordernd. Das ist oft eine Frage der Verträge und muss je nach Fall individuell gelöst werden. Kritische Faktoren sind offener Dialog und Transparenz – vor allem in der Zusammenarbeit mit Start-ups. Es ist wichtig, dass beide Seiten ehrlich sind. Das geht auch ohne Firmengeheimnisse preis zu geben und beginnt ganz banal dabei, offenes Feedback zu Business Modellen zu geben oder Kooperationen nicht nur aus Höflichkeit in Aussicht zu stellen. Auch die Frage ob das gemeinsame Entwickeln einer Idee mit einem Pharmaunternehmen überhaupt sinnvoll ist, sollte offen angesprochen werden.

Funktionieren kann Open Innovation nur, wenn es von außen getrieben ist – also sich in unserem Fall wirklich an den Bedürfnissen der Patienten orientiert und Patienten, Angehörige, Ärzte usw. in die Entwicklung mit einbezieht. Diese Öffnung nach außen ist für viele Unternehmen noch eine Herausforderung. Auch Pfizer steht hier noch am Anfang. Aber wir sind bereit uns darauf einzulassen und versuchen unsere Kultur dahingehend zu fördern – etwa indem wir Kollegen dazu ermutigen neue Dinge auszuprobieren und dabei durchaus auch Risiken einzugehen. Start-ups helfen uns als Corporate übrigens auch bei diesem Kulturwandel.

Wie vollzieht sich generell bei Pfizer die Zusammenarbeit mit Start-ups? Zieht man Beteiligungen vor, setzt man mehr auf reine Kooperationen? 

Pfizer verfolgt einen partnerschaftlichen Ansatz. Wir unterstützen mit Know-How, unserem nationalen und internationalen Netzwerk, können z. B. erster Kunde werden oder durch eine Kooperation bei Vermarktung und Vertrieb unterstützen. Unser Fokus liegt auf Startups, die digitale Lösungen für Herausforderungen unserer Patienten und Ärzte entwickeln– z.B. Diagnostik oder Monitoring von Gesundheitsdaten – und zu unseren Indikationsgebieten passen. Das Dach dafür ist das „Pfizer Healthcare Hub Programm“. Für Biotech-Start-ups gibt es eigene Programme. Aktuell haben wir z. B. in Deutschland eine Kooperation mit dem dänischen Startup Cortrium. Dieses entwickelt mobile Lösungen für die Überwachung von Vitalwerten, etwa bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Im Januar 2016 haben die Jungunternehmer ein paar Plätze im Berliner Pfizer Büro bezogen. Gemeinsam arbeiten Pfizer und Cortrium daran, diese Technologie im deutschen Markt einzuführen. Ein weiterer Kooperationspartner ist Viomedo aus Berlin, das auf www.viomedo.de Zugang zu über 2.000 klinischen Studien bietet. Das Besondere: Die Informationen werden auf Deutsch und in patientenfreundlicher Sprache aufbereitet. Viomedo wurde mehrfach ausgezeichnet und arbeitet mit führenden Pharmafirmen, Patientenorganisationen und Forschern zusammen. Seit 2015 hat Pfizer den Aufbau der Plattform unterstützt und Informationen zu klinischen Pfizer-Studien auf viomedo.de veröffentlicht.

Im Bereich Life Sciences hat sich Wien in den letzten Jahren eine gute Marktpostion geschaffen. Wie beurteilen Sie das internationale Standing Wiens in Bezug auf seine Forschungsaktivitäten, speziell aber im Pharma- und Life Science-Bereich?

Der Pharma- und Life-Science-Bereich ist definitiv eine Stärke Wiens. Allein im Großraum Wien haben sich mehr als 400 Firmen angesiedelt. Daneben verfügt die Stadt über zahlreiche renommierte Forschergruppen und Institute – von Grundlagenforschung bis zur klinischen Forschung. Diese haben international ein sehr gutes Standing und sind gut vernetzt. Nicht umsonst hat zum Beispiel ein Weltunternehmen wie Pfizer die Durchführung einer wichtigen Phase III Studie bei Brustkrebs an eine Wiener Institution – nämlich die ABCSG (Austrian Breast and Colorectal Study Group) – übergeben. 4.600 Patienten werden weltweit eingeschlossen. Die ABCSG leitet die Studie in 23 Ländern weltweit. Die Studie hat insgesamt ein Investitionsvolumen von 340 Millionen Euro. Allgemein geht die Anzahl der klinischen Studien allerdings Jahr für Jahr zurück. Hier bedarf es gemeinsamer Anstrengungen, um unseren herausragenden Standort international noch sichtbarer zu machen und diese Zahl wieder nach oben zu bewegen.

Ein Schwenk zur Forschungspolitik: Was wünschen Sie sich künftig mehr von der Bundesregierung?

Eine starke Forschungspolitik bietet unglaubliche Vorteile für ein Land. Im Bereich klinischer Forschung bedeutet das z. B. früher Einsatz eines bereits gut erforschten Medikaments für Patienten und Ärzte. Die dafür notwendigen Investitionen werden zum größten Teil unmittelbar von der Pharmaindustrie geleistet. Zusätzlich bringt es gesamtwirtschaftliche Vorteile, wenn Unternehmen wie Pfizer auf das Know-how eines Landes setzen. Demensprechend muss ein Forschungsstandort so attraktiv wie möglich gestaltet sein. Ich wünsche mir hier mehr Unterstützung für Forschungseinrichtungen etwa durch Stärkung der Administration – Stichwort: Ärzte sollen forschen und nicht protokollieren. Ebenso ein weiteres Investment in Richtung Forschungsförderung von staatlicher Seite. Und wenn man die besten Köpfe ins Land bekommen möchte, muss man sich auch über attraktive Pakete für Wissenschaftler Gedanken machen, etwa in Richtung Steuerentlastung.


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