Bleibt der Trend unverändert, könnte der Anteil CO₂-armer Energie bis 2050 lediglich bei rund 20 Prozent liegen. | © Unsplash/Wouter de Praetere
Die Europäische Union will bis 2050 klimaneutral werden. Doch wie schnell Industrie und Wirtschaft tatsächlich auf CO₂-arme Energie umstellen, war bislang kaum messbar. Ein Forschungsteam des Complexity Science Hub (CSH) hat nun ein Instrument entwickelt, das genau diese Lücke schließen soll – mit ernüchternden Ergebnissen.
Erstmals lässt sich anhand von Unternehmensdaten systematisch erfassen, wie stark Firmen ihre Energieversorgung in Richtung Strom und erneuerbare Quellen verändern. Angewandt wurde der Monitor auf Ungarn. Das Fazit: Die Energiewende in der Wirtschaft stagniert.
Hälfte der Unternehmen bleibt fossil
„Im Grunde wissen wir es nicht. Wir wissen zwar viel über die Angebotsseite – darüber, wie schnell sich Windräder errichten, Netze ausbauen, Speicherkapazitäten erhöhen lassen. Aber es gibt keine offiziellen Zahlen, wie schnell Industrie und Wirtschaft umrüsten“, sagt CSH-Präsident Stefan Thurner.
Für die in Nature Communications veröffentlichte Studie rekonstruierte das Team den Energieverbrauch von mehr als 25.000 ungarischen Unternehmen zwischen 2020 und 2024. Diese decken einen Großteil des nationalen Energieverbrauchs der Wirtschaft ab.
Das Ergebnis: Rund die Hälfte der Firmen erhöhte ihren Anteil an CO₂-armem Strom. Die andere Hälfte setzte weiterhin verstärkt auf Gas und Öl. „Uns hat überrascht, wie groß der Anteil der Unternehmen ist, die weiter verstärkt auf Gas und Öl setzen“, sagt Studienautor Johannes Stangl. Thurner zieht ein deutliches Resümee: „Die Energiewende findet in der ungarischen Wirtschaft also praktisch nicht statt.“
Bleibt der Trend unverändert, könnte der Anteil CO₂-armer Energie bis 2050 lediglich bei rund 20 Prozent liegen. Würden hingegen Unternehmen den Vorreitern ihrer Branche folgen, wären laut Modellrechnungen bis zu 70 Prozent erreichbar.
Lock-in-Effekte bremsen Umstieg
Die Studie zeigt zudem, dass es innerhalb fast aller Branchen sowohl Vorreiter als auch Nachzügler gibt. Technische Hürden scheinen daher kein generelles Problem zu sein. Entscheidend sind wirtschaftliche Strukturen.
Unternehmen, die gemessen am Umsatz hohe Ausgaben für fossile Energie haben, steigen signifikant seltener auf Strom um. Umgekehrt investieren Firmen mit hohem Stromkostenanteil eher weiter in Elektrifizierung. Die Forschenden sprechen von einem möglichen „Lock-in-Effekt“: Wer stark in fossile Technologien investiert hat, kommt schwer aus bestehenden Strukturen heraus.
„Dieses Ergebnis zeigt, wie wichtig es ist, Unternehmen bei den Anfangsinvestitionen zu unterstützen, und zugleich einen klaren klimapolitischen Kurs vorzugeben“, betont Stangl.
Auch die Unternehmensgröße spielt eine Rolle: Größere, energieintensive Firmen erhöhen tendenziell ihren Stromanteil häufiger als kleinere Betriebe.
Monitoring als Steuerungsinstrument
Der CSH-Monitor basiert auf detaillierten Transaktionsdaten zum Energieverbrauch. Solche Analysen sind bislang nur in Ländern möglich, in denen Mehrwertsteuerdaten automatisiert erfasst werden – etwa in Ungarn, Belgien, Spanien oder Portugal.
„Es wäre ungemein wichtig, solche Einblicke in möglichst vielen Ländern zu haben“, sagt Stangl. Nur so lasse sich frühzeitig erkennen, ob die Wirtschaft auf Kurs Richtung Klimaneutralität sei.
Für die Forschenden ist klar: Während der Stromsektor selbst zunehmend dekarbonisiert wird, entscheidet sich die Klimabilanz Europas in den Unternehmen. „Entscheidend ist daher, welche Unternehmen ihre Prozesse rechtzeitig auf Strom umstellen und welche weiterhin an fossilen Technologien festhalten“, so Stangl.
Ohne strukturelle Unterstützung und klaren politischen Rahmen droht das EU-Ziel der Klimaneutralität 2050 außer Reichweite zu geraten.
