Expert:innen der „Top Speakers Lounge“ der Handelskammer Schweiz-Österreich-Liechtenstein (HKSÖL) | © Andreas Lepsi/LEPSIFOTO
Europäische Unternehmen und Privatpersonen verlieren zunehmend die Kontrolle über ihre digitalen Daten – davor warnen Expert:innen aus den Bereichen Cybersecurity, Recht und Digitalisierung. Im Zentrum der Debatte steht dabei nicht nur die Verschlüsselung von Kommunikation, sondern auch die Abhängigkeit von US-Plattformen und Cloud-Infrastrukturen.
Bei der „Top Speakers Lounge“ der Handelskammer Schweiz-Österreich-Liechtenstein (HKSÖL) diskutierten Vertreter:innen von Threema, PwC Legal und der WU Wien über digitale Souveränität und die Risiken globaler Technologieanbieter.
Telefonnummer als Schwachstelle
Besonders kritisch sehen die Expert:innen den Umgang mit Metadaten – allen voran der eigenen Telefonnummer. „An der Telefonnummer hängt viel“, sagte Danilo Bargen, CTO des Schweizer Messenger-Dienstes Threema. Apps wie WhatsApp würden auf Kontaktlisten zugreifen und daraus umfassende Netzwerke ableiten können.
„Digitale Souveränität muss im Alltag gelebt werden“, so Bargen. Unternehmen müssten sich fragen, „wer die Kontrolle“ über ihre Daten habe. Als Beispiel verwies er auf die Speicherung und Verarbeitung sensibler Informationen über US-Cloudanbieter.
Verschlüsselung allein reicht nicht
Bargen betonte, dass echte digitale Souveränität über reine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung hinausgehe. Entscheidend seien unabhängige Infrastrukturen, Transparenz und möglichst geringe Datensammlung.
„Erst die Kombination aus lückenloser Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und Transparenz durch Open Source schafft das notwendige Vertrauen“, sagte der Threema-Manager.
Juristische Risiken durch US-Clouds
Auch aus rechtlicher Sicht sehen Fachleute Handlungsbedarf. Johann Weidlinger von PwC Legal verwies auf den Zugriff US-amerikanischer Behörden auf Cloud-Daten europäischer Unternehmen. Selbst sogenannte „Gag Orders“, also Verschwiegenheitsanordnungen, seien möglich.
„Wir haben uns wirtschaftlich sehr stark auf Anbieter aus Übersee verlassen“, sagte Weidlinger. Unternehmen stünden dadurch zunehmend im Spannungsfeld zwischen Datenschutzpflichten und internationaler Infrastrukturabhängigkeit.
Europas digitale Souveränität bleibt Herausforderung
Verena Dorner von der Wirtschaftsuniversität Wien sieht die EU gefordert, europäische Alternativen stärker zu fördern. Viele souveräne Lösungen seien derzeit wirtschaftlich schwer konkurrenzfähig.
„Wenn man als EU Souveränität erreichen möchte, muss man sich alles bis zur Hardware ansehen“, so Dorner. Sie plädiert für gezielte Förderungen europäischer Technologien und Anbieter.
Gleichzeitig verwiesen die Diskussionsteilnehmer auf neue Entwicklungen aus China. Offen verfügbare KI-Modelle könnten mehr Unabhängigkeit ermöglichen – auch wenn dabei neue Fragen zu Transparenz und Trainingsdaten entstehen.
