Direktor Peter Aufreiter über Forschungskommunikation, Kooperationen mit Unternehmen und die Frage, wie das Technische Museum Wien aktuelle Innovationen für ein breites Publikum zugänglich macht. | © Philipp Tomsich
Im Technischen Museum Wien tut sich einiges. Wo liegen derzeit die wichtigsten Entwicklungsschwerpunkte?
Ein großes Thema, das wir aktuell viel stärker in Angriff genommen haben, ist die Wissenschaftskommunikation. Mit dem Begriff bin ich allerdings nicht ganz glücklich, denn alles, was das Technische Museum seit 110 Jahren macht, ist im Grunde Wissenschaftskommunikation. Was ich konkret meine, ist die Forschungskommunikation: Wir bieten uns verstärkt an, Forschungsprojekte, die in Österreich laufen und meist mit öffentlichen Geldern finanziert werden, einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.
Wenn ein Fördergeber einer Universität, einem Unternehmen oder einer anderen Institution Geld für ein Forschungsvorhaben zur Verfügung stellt, ist damit fast immer auch die Aufgabe verbunden, die Ergebnisse der Öffentlichkeit zu vermitteln. Und genau das können wir sehr gut. Wir können technische Entwicklungen übersetzen – sowohl für achtjährige Schulkinder als auch für deren Großeltern.
Was kann man sich unter Forschungskommunikation konkret vorstellen?
Forschungskommunikation ist sozusagen unser tägliches Brot. Wir sagen den Universitäten: Ihr habt Fördergelder erhalten, um etwas zu erforschen, vielleicht gemeinsam mit einem Unternehmen. Gebt uns die Ergebnisse, wir übernehmen die Dissemination, also die Forschungskommunikation: Was steckt hinter den Steuermilliarden, die in die österreichische Forschung fließen und auf die wir alle stolz sind? Was passiert, wenn am Ende vielleicht sogar ein Nobelpreis steht? Wie viel Arbeit steckt dahinter, wer muss zusammenarbeiten und wie ist die Wirtschaft, wie ist die Industrie eingebunden? Und welchen Nutzen haben die Bürger:innen, die Gesellschaft und letztlich auch wieder die Unternehmen davon?
Diese Zusammenhänge wollen wir herausstreichen und verständlich machen – teilweise für Schulen, aber natürlich auch für Familien. Das passt sehr gut zu unserem Publikum: Rund 500.000 Menschen besuchen uns jährlich, etwa 300.000 davon sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.
Damit erreichen Sie eine besonders wichtige Zielgruppe, wenn es um Bildungswege und die Berufswahl geht …
Absolut. Wir wollen junge Menschen nicht nur informieren, sondern auch begeistern. Wir zeigen ihnen Bildungswege und Berufschancen auf und setzen dabei einen besonderen Schwerpunkt darauf, Mädchen für technische Berufe, MINT-Fächer und entsprechende Ausbildungswege zu gewinnen. Dabei muss es nicht immer eine Universitätskarriere sein. Es gibt auch viele interessante Lehrberufe. Wir haben das im Haus inzwischen sehr stark aufgestellt und uns darauf vorbereitet, welche Formate und Angebote wir entwickeln können, um aktuelle Forschungsergebnisse zu vermitteln. Wir gehen damit auch beispielsweise direkt in Schulen. Jetzt kommunizieren wir verstärkt, dass wir diese Leistungen anbieten möchten, damit Fördergeber und jene Institutionen, die Forschungsprojekte durchführen, wissen, dass sie mit ihren Ergebnissen zu uns kommen können. Einzelne Projekte haben wir schon auf diese Weise umgesetzt. Dafür braucht es allerdings Vorlaufzeit: Mit Planung und Umsetzung muss man ein Jahr im Voraus beginnen.
Welche Pläne gibt es konkret für 2027?
Das nächste Jahr steht im Technischen Museum ganz im Zeichen der Raumfahrt. Wir werden zwei große Ausstellungen zu Raumfahrt und Weltraum zeigen und versuchen schon jetzt, passende Forschungsprojekte einzubinden. In Österreich gibt es mittlerweile viele Unternehmen, die im Raumfahrtsektor aktiv sind, darunter Start-ups, aber auch Fachhochschulen, Universitäten und unterschiedliche Ausbildungseinrichtungen.
Raumfahrt begeistert die Menschen. Wir haben einen ähnlichen Zugang bereits bei unserem Schwerpunkt zur Bahn verfolgt. Dabei haben wir nicht nur technische Entwicklungen und Forschungsprojekte präsentiert, sondern auch Jobs und Ausbildungswege in den Vordergrund gestellt. Ein Beispiel war ein FFGProjekt, bei dem es darum ging, wie künstliche Intelligenz helfen kann, Fahrpläne zu optimieren.
Wir versuchen also, aktuelle Forschung immer mit den Themen zu verknüpfen, die wir im Museum behandeln. Ein weiteres Beispiel ist eine geplante Ausstellung zu Hitze und Kälte. Auch hier gibt es eine Verbindung zur Raumfahrt. Gleichzeitig lässt sich damit die Kälteforschung aufgreifen, etwa im Zusammenhang mit Quantencomputern. Diese müssen extrem stark gekühlt werden. Erklärt wird: Warum ist das notwendig, und woran wird in Österreich in diesem Bereich geforscht? Unser Ansatz ist, ein Thema zu setzen und damit nicht nur unsere Ausstellungsobjekte zu verbinden, sondern auch die aktuelle Forschung in Österreich.
Inwieweit orientiert sich Forschungskommunikation auch an den strategischen Schwerpunkten des Forschungs- und Wirtschaftsstandorts Österreich?
Sie deckt sich teilweise mit der österreichischen Industriestrategie. Quantencomputing, Quantenforschung, Raumfahrt und künstliche Intelligenz sind dort wichtige Themen. In diesen Bereichen wird entsprechend geforscht und werden Fördermittel eingesetzt. Wir wollen Projekte präsentieren, die für Österreich aktuell und relevant sind. Damit zeigen wir den Menschen einerseits, was mit den Forschungsgeldern passiert, und andererseits, warum diese Forschung wichtig ist und welchen Nutzen sie haben kann. Das kann auch Ängste abbauen. Zugleich stellt sich die Frage: Sind das die Jobs der Zukunft? Welche Berufsbilder verändern sich? Entstehen neue Lehrberufe, Ausbildungswege oder Universitätslehrgänge?
Diese Möglichkeiten wollen wir ebenfalls sichtbar machen. Junge Menschen sollen bei uns nicht nur erfahren, woran geforscht wird, sondern auch erkennen können, welche beruflichen Perspektiven sich daraus ergeben. Im besten Fall gehen sie nach Hause und sagen zu ihren Eltern: Das würde ich gerne machen. Daran knüpfen wir auch unsere traditionellen Veranstaltungen an, etwa die „Talentetage“ und Workshops für Lehrlinge oder Schülerinnen und Schüler, die sich für einen Lehrberuf interessieren.
Damit übernimmt das Museum eine Schnittstellenfunktion zwischen historischer Technik, aktueller Forschung und möglichen Berufsfeldern.
Genau. Wir haben einerseits unsere historischen Objekte und wollen sie andererseits mit zeitgemäßen Entwicklungen in Verbindung bringen. Quantenphysik ist beispielsweise nichts völlig Neues, sondern beschäftigt die Wissenschaft seit mehr als 100 Jahren. Auch Österreich hat auf diesem Gebiet eine bedeutende wissenschaftliche Tradition. Uns interessiert deshalb nicht nur, was damals passiert ist, sondern auch: Wo liegen heute die Forschungsfragen? Wer arbeitet daran? Und wie muss man sich die Arbeit in einem Quantenlabor vorstellen?
Wir haben heuer eine Ausstellung eröffnet, die sich damit beschäftigt, was Wissenschaft ist und wie sie sich verändert. Darin zeigen wir unter anderem, wie es in einem Quantenlabor aussieht und zugeht – auch, wie laut es dort tatsächlich ist. Die Universität Wien hat uns dafür entsprechende Einblicke ermöglicht. Die Ausstellung ist als Dauerausstellung konzipiert und wird bleiben.
Wie funktionieren diese Kooperationen mit Unternehmen konkret?
Wenn wir jungen Menschen spielerisch erklären wollen, wie Röntgenstrahlen funktionieren und wie sich die Technik entwickelt hat, reicht es nicht, einfach ein Objekt in eine Vitrine zu stellen. Es braucht Medienstationen, Hands-on-Angebote und Möglichkeiten, Dinge selbst auszuprobieren. Solche Formate zu entwickeln und zu bauen, kann zwischen 50.000 und 100.000 Euro kosten. Einen Teil davon finanzieren wir über Kooperationen mit Fördernehmern und Unternehmen. Im Gegenzug machen wir deren Forschungsprojekte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.
Das ist eine echte Win-win-Situation. Mitarbeiter:innen eines Forschungsprojekts wissen oft selbst nicht genau, wie sie einem Jugendlichen ihre Arbeit erklären sollen. Das ist unsere Kompetenz. Wir treiben die Quantenphysik nicht selbst forschungstechnisch voran, aber wir können sie so vermitteln, dass Menschen verstehen, worum es geht und warum die Forschung relevant ist.
Welche Rolle spielen Vorbilder, gerade wenn es darum geht, junge Menschen für technische Berufe zu begeistern?
Wir haben immer wieder mit Role Models gearbeitet. In den vergangenen Jahren ist uns allerdings klar geworden, dass diese Vorbilder nicht zu weit von der Lebensrealität der Jugendlichen entfernt sein dürfen. Eine Architektin wie Margarete Schütte- Lihotzky, die die Frankfurter Küche entwickelt hat, ist historisch natürlich eine beeindruckende Persönlichkeit. Für eine 16-Jährige ist die Einbauküche aber selbstverständlich. Der unmittelbare Bezug ist deshalb vielleicht nicht mehr so groß.
Es gibt auch zeitgemäße Vorbilder. Österreich hat beispielsweise eine Astronautin, die eine entsprechende Ausbildung durchlaufen hat. Sie wird für unsere Weltraumausstellung sicher ein interessantes Role Model sein.
Und es gibt Österreicherinnen, die im Bereich Weltraumarchitektur arbeiten und Teile von Raumstationen mitgestalten. Man darf bei Berufen in der Raumfahrt nicht nur an Raketenwissenschaftler: innen denken. Es gibt viele andere Tätigkeitsfelder wie Energienutzung, Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft. Man muss also kein Raketenwissenschaftler sein, um an Weltraumtechnologie mitzuwirken. Es kann ebenso um Pflanzen, Ernährung oder Kreislaufwirtschaft gehen. Diese Zusammenhänge wollen wir vermitteln und damit Begeisterung für aktuelle Forschung wecken.
Welche Themen kommen beim Publikum besonders gut an?
Ernährung funktioniert immer gut. Aber auch künstliche Intelligenz, Robotik und Weltraumforschung sind Themen, die viele Menschen ansprechen. Ein weiteres geplantes Thema ist „Trial and Error“. Dabei wollen wir uns mit der Fehlerkultur in Europa und insbesondere in Österreich beschäftigen. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass in anderen Ländern ein positiverer Umgang mit Fehlern entwickelt wurde. Wenn jemand ein Start-up gründet und es nicht funktioniert, sollte die Möglichkeit bestehen, es später erneut zu versuchen oder etwas anderes zu machen.
Die gesellschaftliche Perspektive zieht sich also durch viele Ihrer Themen. Gilt das auch für die Arbeit hinter den Kulissen?
Unbedingt. Als Bundesmuseum sind wir weit mehr als ein Ausstellungshaus. Wir sammeln, bewahren, forschen und vermitteln. Nur ungefähr fünf Prozent unserer Objekte können wir ausstellen. Deshalb überlegen wir auch beim Sammeln zunehmend, welche gesellschaftliche Bedeutung ein Objekt hat. Früher hat man vielleicht etwas gesammelt, weil es zur Schifffahrt oder zur Alltagstechnik gehörte. Heute können auch Themen wie Inklusion, Exklusion, Gendergerechtigkeit oder Nachhaltigkeit ausschlaggebend sein. Dadurch verändert sich auch die wissenschaftliche Arbeit im Haus. Die Beschäftigung mit einem technischen Objekt endet nicht bei seinen technischen Eigenschaften, sondern schließt die gesellschaftlichen Zusammenhänge ein.
Ein Beispiel ist unsere Ausstellung zu Textil und Technik. Dafür haben wir kleine und mittelgroße Unternehmen in Österreich besucht, die früher in der Textiltechnik tätig waren. Viele dieser Betriebe existieren heute nicht mehr oder arbeiten nicht mehr auf die gleiche Weise. Teilweise stehen die Maschinen noch bei ehemaligen Unternehmern oder in deren Familien, werden aber nicht mehr benutzt. Bei diesen Gesprächen haben wir erfahren, wie viel Wissen und handwerkliches Können über Generationen aufgebaut wurde. Manche Unternehmen haben Maschinen umgebaut, um besondere Produkte herstellen zu können, und bestimmte Verfahren bewusst geheimgehalten. Heute geben sie uns die Maschinen und dazugehörige Schnittmuster, Informationen über Farben und Webarten sowie Einblicke in frühere Innovationen. Für uns ist es wichtig, nicht nur die Maschine zu bewahren, sondern auch die Geschichte dahinter. Wir haben Menschen getroffen, die uns erzählen konnten, wie diese Technik eingesetzt wurde und welche wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung die Textilindustrie in Österreich hatte. Solche Informationen sind wertvoll, weil dieses Wissen sonst verloren gehen kann.
