Besonders großes Potenzial sieht die Branche bei der Wiederverwertung von Bodenaushub. | © Unsplash/Glenov Brankovic
Die Geotechnik könnte zu einem zentralen Hebel für die Dekarbonisierung der Bauwirtschaft werden. Durch den verstärkten Einsatz von Recyclingmaterialien, alternativen Bindemitteln und modernen Bodenverbesserungsverfahren ließe sich der CO₂-Fußabdruck von Bauprojekten laut Fachleuten bis 2030 um 30 bis 40 Prozent reduzieren.
Auf dieses Potenzial verweist die Austrian Geotechnical Society im Vorfeld der internationalen Fachkonferenz ICSMGE (International Conference on Soil Mechanics and Geotechnical Engineering), die Mitte Juni in Wien stattfindet.
Große Hebel bei Erdbau und Materialeinsatz
Während sich Klimaschutzmaßnahmen im Bauwesen häufig auf Gebäude und deren Energieverbrauch konzentrieren, sehen Geotechniker erhebliche Einsparpotenziale bereits in der Bauphase. Insbesondere Erdbau, Materialtransporte, Bodenstabilisierung und der Einsatz von Zement verursachen hohe Emissionen.
„Der große CO₂-Hebel liegt nicht im Betrieb, sondern vor allem im Erdbau, der Bodenstabilisierung, dem Materialeinsatz sowie im Transport und der Logistik“, sagt Helmut F. Schweiger, Präsident der Austrian Geotechnical Society.
Nach Angaben des Experten verursacht die Bau- und Gebäudewirtschaft in Österreich rund ein Viertel der gesamten Treibhausgasemissionen. Ein relevanter Anteil entfällt auf Baustoffe und Bauprozesse.
Bodenaushub als bislang ungenutzte Ressource
Besonders großes Potenzial sieht die Branche bei der Wiederverwertung von Bodenaushub. Derzeit würden in Österreich 60 bis 80 Prozent des ausgehobenen Materials deponiert, obwohl ein Großteil technisch wiederverwendet werden könnte.
„Das Potenzial liegt jedoch weit höher, sogar bei bis zu 90 Prozent“, betont Schweiger. Häufig verhinderten rechtliche und organisatorische Hürden eine umfassendere Nutzung des Materials als Ressource.
Nach Ansicht der Fachleute könnten CO₂-Kriterien künftig stärker in öffentliche Ausschreibungen einfließen. Digitale CO₂-Rechner würden bereits heute ermöglichen, die Klimawirkung von Bauprojekten vergleichbar zu machen.
Weniger Zement, geringere Emissionen
Ein weiterer Ansatz ist die Reduktion des Zementverbrauchs. Die Herstellung von Zement zählt zu den emissionsintensivsten Prozessen der Bauindustrie. Alternative Bindemittel wie Geopolymere, kalzinierte Tone oder recyclingbasierte Stoffe könnten die CO₂-Emissionen bei Bodenstabilisierungen deutlich senken.
„Durch den Einsatz von zementreduzierten Bindern, alternativen Bindemitteln und optimierter Dosierung kann ein CO₂-Einsparungspotenzial von -30 bis -70 Prozent bei Bodenstabilisierung und Erdbau erreicht werden“, so Schweiger.
Brenner Basistunnel als Praxisbeispiel
Wie Kreislaufwirtschaft im Infrastrukturbau funktionieren kann, zeigt laut Experten der Brenner Basistunnel. Dort wird rund die Hälfte des Tunnelausbruchsmaterials wiederverwendet – etwa als Dammmaterial oder für Tragschichten. Dadurch lassen sich Transporte und Deponierungen deutlich reduzieren.
Auch im Straßenbau gilt Recycling mittlerweile als Standard. Nach Angaben der Austrian Geotechnical Society werden dort bereits bis zu 95 Prozent der verwendeten Materialien wiederverwertet.
Klimaneutralität bis 2040 als Ziel
Für Schweiger steht fest, dass die Klimaziele ohne Veränderungen im Tief- und Erdbau nicht erreichbar sein werden. „Durch die Kombination all dieser Hebel – sprich Binderreduktion, Bodenmischverfahren statt Bodenaustausch und Aushubkreisläufe wäre eine Reduktion des baubezogenen CO₂-Fußabdrucks um ca. 30 bis 40 Prozent bis 2030 realistisch.“
Die Geotechnik könne damit eine Schlüsselrolle auf dem Weg zu einer klimaneutralen Bauwirtschaft übernehmen.
