Die Studie macht deutlich, dass Cyberrisiken nicht allein durch neue Sicherheitslücken entstehen. | © EY/Christina Häusler
Millionen digitale Identitäten aus Österreich sind durch frühere Datenlecks potenziellen Cyberangriffen ausgesetzt. Eine Untersuchung von EY Österreich und Risikomonitor identifiziert 5,92 Millionen Datenspuren und knapp drei Millionen eindeutige E-Mail-Adressen mit Österreich-Bezug. Besonders problematisch sind mehrfach betroffene Konten und schwache Passwörter. Für Unternehmen steigt damit das Risiko gezielter Phishing-Angriffe und unbefugter Kontozugriffe.
Für die Darknet-Exposure-Studie werteten EY Österreich und Risikomonitor Daten aus 7.721 unterschiedlichen Datenlecks aus. Insgesamt identifizierten die Analyst 2,95 Millionen eindeutige E-Mail-Adressen und 5,92 Millionen Datenspuren mit Österreich-Bezug. Von rund 1,6 Millionen untersuchten Domains wiesen knapp 297.000 mindestens einen Treffer auf.
Die Zahlen beschreiben das Ausmaß der Datenexposition, nicht die Zahl tatsächlich erfolgreicher Cyberangriffe. Sie verdeutlichen jedoch, wie viele Informationen Angreifer aus bereits bekannten Datenbeständen gewinnen können.
Jede dritte E-Mail-Adresse mehrfach betroffen
Besonders auffällig ist die wiederholte Exposition digitaler Identitäten. Rund 1,04 Millionen E-Mail-Adressen tauchten in mindestens zwei unabhängigen Datenlecks auf. Mehr als 24.000 Adressen wurden sogar in zehn oder mehr unterschiedlichen Quellen gefunden.
Das erhöht die Gefahr, dass Cyberkriminelle Informationen aus verschiedenen Datenbeständen miteinander verknüpfen. Neben E-Mail-Adressen und Zugangsdaten können auch Angaben zur Firmenzugehörigkeit, beruflichen Funktion oder zu Geschäftsbereichen für gezielte Angriffe genutzt werden.
„Die reine Zahl der Findings erzählt nur einen Teil der Geschichte. Entscheidend ist die Frage, wie die Daten genutzt werden können. Zugangsdaten schaffen Risiken für Kontoübernahmen, während Kontaktdaten gezielte Phishing- und Social-Engineering-Angriffe erleichtern“, erklärt Robert Pölzelbauer, Senior Manager bei EY Österreich.
Die Untersuchung zeigt damit, dass nicht nur gestohlene Passwörter ein Sicherheitsproblem darstellen. Auch Informationen aus Marketing- und Kontaktdatenbanken können Angreifer dabei helfen, glaubwürdige betrügerische Nachrichten oder Anrufe vorzubereiten.
Weniger als fünf Prozent der Passwörter ausreichend sicher
Ein weiteres Ergebnis betrifft die Passwortqualität. Weniger als fünf Prozent der analysierten Passwörter erfüllten die in der Studie herangezogenen Sicherheitsanforderungen hinsichtlich Länge und Komplexität.
Besonders einfache Kombinationen bleiben verbreitet. Das Passwort „123456“ wurde knapp 10.000-mal identifiziert und war damit das häufigste Passwort in den untersuchten Datenbeständen.
Problematisch ist vor allem die Wiederverwendung von Zugangsdaten. Werden dieselben Passwörter für mehrere Dienste eingesetzt, können selbst ältere Datenlecks weiterhin ein Sicherheitsrisiko darstellen.
„Cyberkriminelle müssen heute nur selten neue Informationen beschaffen. Oft genügt die Kombination aus historischen Datenlecks und wiederverwendeten Zugangsdaten. Genau deshalb behalten auch ältere Leaks ihre Relevanz“, sagt Pölzelbauer.
Die Ergebnisse zur Passwortqualität beziehen sich auf die analysierten Datensätze. Daraus lässt sich nicht unmittelbar ableiten, wie sicher sämtliche aktuell verwendeten Passwörter österreichischer Nutzer sind.
Unternehmensinformationen erleichtern Phishing
Ein erheblicher Teil der identifizierten Datenspuren steht laut Studie mit Unternehmens- und Organisationsdomains in Verbindung. Damit können kompromittierte digitale Identitäten auch für Unternehmen zum Risiko werden, deren eigene IT-Systeme nicht unmittelbar von einem Datenleck betroffen waren.
Angreifer können öffentlich verfügbare Informationen über Mitarbeiter, Zuständigkeiten und Geschäftsbeziehungen nutzen, um betrügerische Kontaktaufnahmen glaubwürdiger zu gestalten.
„Viele Unternehmen konzentrieren sich auf die Frage, ob ein Passwort betroffen ist. In der Praxis sehen wir aber zunehmend Angriffe, die lange vor dem eigentlichen Login beginnen“, erklärt Manuel Löw-Beer, Geschäftsführer von Risikomonitor.
Für Unternehmen bedeutet das, dass klassische technische Schutzmaßnahmen allein nicht ausreichen. Neben der Absicherung von IT-Systemen gewinnt auch die Kontrolle darüber an Bedeutung, welche Informationen über Beschäftigte und geschäftliche Identitäten in kompromittierten Datenbeständen verfügbar sind.
Mehr-Faktor-Authentifizierung als Schutzmaßnahme
EY Österreich und Risikomonitor empfehlen Unternehmen, exponierte digitale Identitäten regelmäßig zu überprüfen und betroffene Konten konsequent abzusichern.
Eine zentrale Maßnahme ist die Mehr-Faktor-Authentifizierung (MFA). Sie erschwert unbefugte Kontozugriffe, selbst wenn Angreifer bereits über ein gültiges Passwort verfügen. Ergänzend sollten Unternehmen starke, individuelle Passwörter einsetzen, kompromittierte Zugangsdaten ersetzen und Mitarbeiter für Phishing und Social Engineering sensibilisieren.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen Konten mit weitreichenden Zugriffsrechten sowie Personen, die aufgrund ihrer beruflichen Funktion gezielt angesprochen werden könnten.
„Unternehmen können Datenlecks nicht immer verhindern. Sie können aber verhindern, dass historische Datensätze zu erfolgreichen Angriffen führen“, betont Pölzelbauer.
Die Studie macht deutlich, dass Cyberrisiken nicht allein durch neue Sicherheitslücken entstehen. Auch Jahre alte Datenlecks können weiterhin für Angriffe genutzt werden, wenn Zugangsdaten unverändert bleiben oder Informationen aus unterschiedlichen Quellen kombiniert werden. Für Unternehmen wird deshalb die laufende Überwachung kompromittierter Identitäten zu einem wichtigen Bestandteil der IT-Sicherheitsstrategie.
