Doz. Dr. Johannes Matiasek, Facharzt für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie. | © www.drmatiasek.at
Austria Innovativ: Wie innovationsgetrieben ist die plastische Chirurgie im Vergleich zu anderen medizinischen Disziplinen?
Dr. Johannes Matiasek: Meiner Meinung nach gehört die plastische Chirurgie zu den innovationsfreudigsten medizinischen Disziplinen. Während beispielsweise in der Onkologie, Radiologie, Kardiologie oder in der Medikamentenentwicklung, evidenzbasierte Studien oder neue Gerätetechnologien im Vordergrund stehen, setzt die plastische Chirurgie auf technische Anpassungsfähigkeit und ein hohes Maß an Individualisierung. Während andere Fächer Organfunktionen am Laufen halten und Krankheitsverläufe beeinflussen, arbeiten wir an der Funktion und der Form gesunder Körper und damit auch an der Lebensqualität der Menschen. Als Facharzt für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie muss ich zugleich funktionelle, ästhetische und vor allem individuell zufriedenstellende Ergebnisse erzielen. Der große Unterschied ist mit Sicherheit, dass die plastische Chirurgie medizinische Innovationen schneller in praktische Lösungen umsetzt. Eigentlich kann man sagen, unser Fach erfindet sich täglich neu!
Welche technologischen Entwicklungen haben Ihr Fachgebiet in den letzten fünf Jahren am stärksten verändert?
Für mich persönlich steht die 3D-Bildgebung im Zusammenspiel mit digitaler Operationsplanung an erster Stelle. Die 3D-Bildgebung ermöglicht Form, Proportionen und Zustand von Körper und Gesicht genau zu analysieren. So ist es möglich Eingriffe individuell planbarer und noch sicherer zu machen.
Welche Rolle spielen robotergestützte Systeme in der Medizin heute – inwieweit sind sie Zukunft, inwieweit bereits Realität?
Beispielsweise in der Mikrochirurgie (Gefäß- oder Nervenrekonstruktion) erweitern bereits hochentwickelte Assistenzsysteme die Präzision des Operateurs, ersetzen diesen aber nicht zur Gänze. In meinem Operationssaal treffe ich persönlich individuell an die jeweiligen Patient:innen angepasste präzise Entscheidungen. Nur so lässt sich für mich das perfekte ästhetische Ergebnis erzielen. Wo liegen die Möglichkeiten, wo die Grenzen: Was kann KI leisten bzw. (noch) nicht leisten, gerade in einem hochsensiblen Fach wie der plastischen Chirurgie? Es ist absehbar, dass zunehmend operative Teilschritte durch KI-gestützte Systeme übernommen werden. Das wird nicht in den nächsten zwei, drei Jahren geschehen, aber in mittlerer Zukunft durchaus Realität werden. Besonders standardisierte Eingriffe könnten dann von computergestützten Systemen durchgeführt werden, während der plastische Chirurg überwacht, kontrolliert und Parameter festlegt. Eine Standard-Brustvergrößerung könnte so prinzipiell einmal von einem KI-Assistenzsystem durchgeführt werden. Wenn man beispielsweise das Da-Vinci-Operationssystem (Anm. roboterassistiertes Chirurgiesystem) heranzieht, zeigt sich gut, wie diese Technologien funktionieren: Der Chirurg sitzt nach wie vor an der Steuerkonsole und führt den Eingriff. Der Vorteil der Robotik liegt in der extremen Beweglichkeit der Arme, die anatomisch Unmögliches ermöglicht – etwa Arbeiten über kleinste Zugänge und in Winkeln, die der menschlichen Hand nicht zugänglich sind. Prinzipiell ist es sogar möglich, dass ein Chirurg auf einem anderen Kontinent operiert. Aber: Bei Komplikationen, etwa einer starken Blutung, muss dennoch ein erfahrener Chirurg vor Ort sein. Daher ersetzt Robotik kein Personal – sie erweitert vielmehr operative Möglichkeiten.
Wie verändern 3D-Bildgebung und digitale OP-Planung bzw. Durchführung die Präzision und Sicherheit von Eingriffen?
Die Simulation ist ein großes Feld. 3D-Modelle, hinterlegte Implantatdatensätze und präzise Visualisierungen sind heute Standard. Durch sie lassen sich Eingriffe exakter und strukturierter planen und umsetzen. Der nächste Schritt wird das patienten-individuelle Implantat sein – quasi ein 3D-Druck, der exakt zur Thoraxform der Patientin passt und natürliche Asymmetrien berücksichtigt.
Wie lässt sich Innovation mit Patientensicherheit in Einklang bringen?
Patientensicherheit steht bei mir immer im Vordergrund. Nicht alles, was neu ist, ist gleichzeitig auch gut. Hier ist Zurückhaltung gefragt. Für mich ist entscheidend, ob eine Neuheit – das kann eine neue Operationsmethode, ein neues Material oder einen neue Technologie sein – ausgiebig, evidenzbasiert und nachvollziehbar getestet wurde. Mir geht es nicht um werbewirksame Effekthascherei, sondern um Verlässlichkeit und zufriedenstellende Ergebnisse für meine Patient:innen.
KI kann ästhetische Ergebnisse simulieren – verändert das die Erwartungshaltung der Patient:innen? Wie verändert sich dadurch die Patienten- Kommunikation?
Mit Sicherheit. Wenn Patient:innen beispielsweise eine 3D-Simulation sehen und von dieser begeistert sind, erwarten sie vorab einmal genau dieses Ergebnis. Hier gilt es im ausführlichen und einfühlsamen Beratungsgespräch klarzustellen, dass es sich um eine Simulation handelt, die sich der Realität annähert. Aber nicht, dass sich die Realität der Simulation exakt anpassen kann. Selbstverständlich setzt die Biologie natürliche Grenzen: Körperbau, Hautqualität, Regenerationsfähigkeit, Verwachsungen, Alterung, Heilungsverläufe aber auch individueller Lebensstil sind fixe Größen, die es bei der Auswahl der Methode und der OP-Technik zu beachten gilt. Langjährige medizinische Erfahrung, neue Operationsmethoden und High-Tech-Geräte können einiges abfedern, aber Integrität von Gewebe, Nerven und Gefäßen bestimmen letztendlich das Machbare.
Was steht hinter Ihrem Motto „Ehrliche Ästhetik für echte Menschen“?
Eine wirklich faszinierende Erscheinung entsteht nicht allein durch perfekte Proportionen und ein faltenfreies, jugendliches Gesicht. Sie entsteht durch das harmonische Zusammenspiel von Selbstbewusstsein, Authentizität und Individualität. Und das ist es auch, was ich so an meinem Beruf, meiner Berufung liebe. Menschen mit meinen plastisch-chirurgischen und ästhetisch-medizinischen Möglichkeiten zu unterstützen, genau diese Selbstakzeptanz zu erreichen, jedoch ohne große Typveränderung. Eben: Ehrliche Ästhetik für echte Menschen.
