Forschung

Weil gute Ideen allein zu wenig sind

Sie helfen weiter bei guten Ideen: Elisabeth Schludermann, Eva Bartlmä, Tanja Sovic-Gasser und Birgit Hofreiter (v.l.) - Bild: Richard Tanzer

Wissenschaftliche Forschung und Entwicklung bildet oft die Basis für neuartige, innovative Produkte oder Verfahren, die in vielfältigen Bereichen eingesetzt werden können. An der TU Wien geht man dazu ganz eigene Wege.

Am Anfang herrschte die große Unbekannte. "Wir hatten keine Ahnung von Patentverhandlungen und haben offen gesagt: Wir kennen uns nicht aus, reden wir drüber". So hat Dr. Johannes Homa, CEO der Lithoz GmbH, sein erstes Gespräch mit den Expert_innen des Forschungs- und Transfersupports an der TU Wien in Erinnerung. "Es war ein sehr gutes Gesprächsklima, offen und transparent. Wir hatten nicht den Eindruck, dass uns die TU Wien übers Ohr hauen oder unsere Innovation abspenstig machen will. Ich hatte immer das Gefühl, dass alle Beteiligten das Gemeinsame forcieren wollten. Und das hat uns letzten Endes sehr geholfen." Heute ist Lithoz auf dem Weg zum Weltmarktführer für die Entwicklung und Herstellung von Materialien und Generativen Fertigungssystemen (3D-Druck) für die einfache und kostengünstige Produktion von Prototypen, Kleinserien und komplexen Bauteilen aus Hochleistungskeramik. CEO Homa und CTO Dr. Johannes Benedikt haben eine Erfolgsgeschichte geschrieben.

Nur eines, wenngleich beeindruckendes Beispiel dafür, wie Technologietransfer funktionieren kann. Und das ist wichtig, denn wissenschaftliche Forschung und Entwicklung bildet oft die Basis für neuartige, innovative Produkte oder Verfahren, die in vielfältigen Bereichen eingesetzt werden können. "Bei der Umsetzung der oft noch grundlagennahen Forschungsergebnisse in ein tatsächliches Produkt ist die Sicherung der Forschungsergebnisse und der Rechte der TU Wien und Ihrer Erfinder_innen ein ganz entscheidender Aspekt", betont Mag. Peter Karg, Leiter des Forschungs- und Transfersupports an der TU Wien. So sollen in der Forschungstätigkeit gewonnene Erkenntnisse an die Gesellschaft zu deren Nutzen weitergegeben werden. Gleichzeitig ist es Ziel der Tätigkeit des Forschungs- und Transfersupports, die TU Wien national und international als hervorragende Forschungsinstitution zu positionieren.

So unterstützen die Mitarbeiter_innen des Bereichs "Patent‐ und Lizenzmanagement" Erfinder_innen der TU Wien bei Patentanmeldungen und beim Patentmanagement ebenso wie bei der Umsetzung und Verwertung von Erfindungen. Erfindungen, die klare technische Neuerungen darstellen, haben die Chance, durch ein Patent geschützt zu werden. "Zu unserem umfangreichen Netzwerk gehören Patentanwälte im In- und Ausland. Wir kooperieren und tauschen uns regelmäßig mit Mitarbeiter_innen von Technologietransfereinheiten anderer österreichischer Universitäten aus", erklärt Dr. Eva Bartlmä , Stv. Abteilungsleiterin, "wir verstehen uns daher in erster Linie als Servicestelle für TU-Forschende und Mitarbeitende." Ein zusätzlicher Austausch erfolgt im Rahmen von Veranstaltungen, Workshops und Konferenzen, ausgerichtet von internationalen Technologietransferorganisationen. Im Bereich der Vermarktung gibt es neben dem Austria Wirtschaftsservice (aws) auch Kooperationen mit der Wirtschaftsuniversität Wien (Institut für Entrepreneurship und Innovation) und internationalen Vermarktungsgesellschaften.

Der Weg zum Patent kann mühsam sein, aber das Team an der TU Wien ist bemüht, möglichst rasch Ergebnisse zu erzielen, betont stv. Abteilungsleiterin Dr. Tanja Sovic-Gasser: "Wir erarbeiten zusammen mit den Erfinder_innen eine Strategie, wie die getätigte und durch ein Patent geschützte Erfindung am besten wirtschaftlich umgesetzt werden kann." Unterstützt werden die Inventor_innen etwa in Fragen zur Abklärungen zum Stand der Technik (Patentrecherchen), wenn bisher noch keine Recherche durchgeführt wurde, in der Abklärung der Eigentumsverhältnisse (andere Universitäten, Firmen), in der Evaluation (wirtschaftlich, patentrechtlich) oder auch in der Ausarbeitung, Einreichung und Überwachung von Patentanmeldungen (in Zusammenarbeit mit externen Patentanwälten und Patentämtern). Entscheidend ist auch die Frage des passenden Verwertungsmodells, das auch die Suche nach Firmenpartnern oder Verhandlungen mit Firmenpartnern (z.B. Options- und Lizenzverträge) mit sich bringen kann. Last, but not least unterstützt das Team auch bei der Verwertung im Zuge einer Unternehmensgründung bzw. eines Spinoffs. Peter Karg fasst diese umfassenden Leistungen so zusammen: "Wir helfen Erfinder_innen, bei der Weiterverfolgung der Erfindung nicht den Überblick zu verlieren."

Patentevaluierung und Verwertung

Auf Basis des Evaluationsprozesses wird auf Empfehlung des Forschungs- und Transfersupports der TUW vom Vizerektor für Forschung Johannes Fröhlich entschieden, ob eine Erfindung aufgegriffen wird oder nicht. Die TU Wien hat für diese Entscheidung bis zu drei Monate Zeit. Im Falle eines Aufgriffs durch die TU Wien wird die Erfindung schnellstmöglich als Patent angemeldet und kann danach sofort veröffentlicht werden. Der Patentprozess bezieht zusätzlich zum Erfinder_innenteam noch einen oder mehrere Patentanwält_innen ein.

Der Verwertungsprozess kann entweder von der TU Wien selbst oder von externen Verwertungsagenturen durchgeführt werden. In beiden Fällen wird ein technology offer (TO), ein einseitiges Dokument, das den Entwicklungsstand, innovative Aspekte und Vorteile der neuen Technologie herausstreicht, mit Hilfe der Erfinder_innen erstellt. "Damit werden Firmen und andere potentielle Partner angesprochen und auf die Technologie aufmerksam gemacht", weiß Sovic-Gasser. Die Festlegung der Patent- und Verwertungsstrategie erfolgt in Absprache mit den Erfinder_innen und ist stark vom jeweiligen Projekthintergrund abhängig.

Vertragsservice

Die Mitarbeiter_innen des Vertragsservice beraten und unterstützen auch bei der Gestaltung und Verhandlung von F&E Verträgen und Kooperationsverträgen mit Unternehmen. So werden etwa für TU Wien-Mitarbeiter_innen Musterverträge zur Verfügung gestellt, die als Basis für die Vertragsgestaltung mit Unternehmen bei geplanten Forschungsprojekten dienen. "In den meisten geförderten Projekten werden so genannte Kooperations- bzw. Konsortialverträge verlangt", weiß Bartlmä, "darüber hinaus sind auch Forschungs- und Entwicklungsverträge von großer Bedeutung: Sie kommen in einem klassischen Auftragsverhältnis zur Anwendung - wenn also etwa ein Unternehmen ein Institut dazu beauftragt, Forschung in einem bestimmten Gebiet durchzuführen." Ein entscheidender Aspekt ist darüber hinaus der Abschluss von Patentlizenzverträgen. Auch hier ist das Serviceteam behilflich.

Förderberatung nach Maß

In Österreich gibt es eine Vielzahl von Fördermöglichkeiten für Forschungsprojekte - von der Grundlagenforschung bis hin zu angewandter Forschung. "Wir beraten Forschende der TU Wien bei der Anbahnung, Beantragung und formal korrekten Durchführung ihrer wissenschaftlichen Projekte bei nationalen Fördereinrichtungen", erklärt Dr. Elisabeth Schludermann, Bereichsleiterin Förderberatung und Wirtschaftskooperationen. Fragen wie Wahl der Förderorganisation und des Programmes für Projektidee, Zusammensetzung von Projektkonsortien, Höhe des beantragten Budgets, Verfassung von Neuanträgen oder auch Hinweise für eine gelungene Projektabwicklung stehen hier im Vordergrund. "Oft sind es informelle Tipps über Dos und Don'ts, die letztlich den Ausschlag für eine Bewilligung geben. Dafür stellen wir gerne auch unsere Kontakte zu den Förderorganisationen zur Verfügung", so Schludermann, "es geht uns aber nicht nur um Fragen von IP oder Patenten, sondern vor allem auch darum, Menschen bei ihren Ideen zu unterstützen, sie zu begleiten." Das Angebot der Förderungsberatung reicht von projektbezogenen Beratung über Infoveranstaltungen in Zusammenarbeit mit nationalen Förderorganisationen bis hin zu großformatigen, fakultätsübergreifenden Events wie der Reihe "Wirtschaftsimpulse durch Forschung", aber auch kleinformatige Veranstaltungen wie Firmenworkshops oder Expert_innengespräche. Letztere Formate werden auch durch eine Kooperation mit der Wirtschaftskammer Wien unterstützt, die zum Ziel hat, Unternehmen den Zugang zur TUW zu erleichtern und so Kooperationen zu initiieren.

Und das weitreichende Angebot des Forschungs- und Transfersupports-Teams wird dankend angenommen: So werden jährlich beispielsweise an die 400 Verträge für nationale Projekte, 50-70 neue Erfindungen sowie 140 Förderberatungsanfragen betreut.

Erste Anlaufstelle für Gründer_innen

Auch für gründungswillige Forscher_innen hat die TU Wien ein passendes Angebot entwickelt. Am Informatics Innovation Center i²c werden maßgeschneiderte Aktivitäten offeriert - von Gründungsberatung über Events bis zur Vernetzung mit potenziellen Investoren. "Wir haben mit der i²c StartAcademy ein österreichweit einzigartiges Bootcamp für R&D-Kommerzialisierung initiiert, in dem Wissenschaftler_innen ihre Ergebnisse auf Verwertbarkeit überprüfen können. Zusätzlich bietet es ein Ergänzungsstudium für StudentInnen zu Intra- und Entrepreneurship an einer Technischen Universität. Vielversprechende Startup/Spin-off Projekte aus beiden Programmen werden im TU eigenen Co-Workingspace, dem i²c FounderSpace betreut, in dem Mentoren und Investoren mit Rat und Tat zur Seite stehen", fasst i²c-Leiterin und -Gründerin Dr. Birgit Hofreiter zusammen. Was mit einem Ergänzungsstudium an der Fakultät für Informatik begonnen hat, ist mittlerweile ein überfakultäres Entrepreneurship & Innovation Center, das auch in der Investorenszene hohe Anerkennung findet. Immerhin zählen Business Angels und Venture Capital-Geber wie Hansi Hansmann, Michael Altrichter oder Daniel Horak zu den Unterstützern und Partnern der i²c-Initiativen.

Besonders erwähnenswert ist der "Networking Friday", der stets an die i²c StartAcademy anschließt. Dieser dreitägige Workshop, in dem Wissenschaftler_innen der TU Wien mit Unterstützung zahlreicher erfahrener Mentor_innen und Trainer_innen das Geschäftspotenzial ihrer Forschungsprojekte untersuchen können, richtet sich an Sciencepreneur_innen, Unternehmer_innen, Wissenschaftler_innen, Investor_innen, Vertreter_innen öffentlicher Förderinstitutionen sowie Politik und Wirtschaft und andere Interessierte.

Birgit Hofreiter wurde übrigens 2015 für ihr Projekt "Informatics Innovation Center" mit dem Wirtschaftskammerpreis der WK Wien ausgezeichnet - und sie hat noch einiges vor: "Derzeit arbeiten wir am Aufbau eines Entrepreneur in Residence Programms sowie einem Programm zur Co- und Open Innovation", sagt Hofreiter, die auch Mitglied des Advisory Boards des Vereins Austrian Startups ist. "Wir wollen erstens zu einer anregenden und leistungsfähigen Gründerkultur in Österreich beitragen. Und zweites braucht es einen Bildungssektor, der vor allem - aber nicht nur - die Universitäten besser auf die Entwicklung innovativer und marktfähiger Produkte vorbereitet", betont Hofreiter. Dabei geht es nicht allein um die Schaffung attraktiver Investitionsmöglichkeiten, sondern viel mehr darum unsere Gesellschaft darauf vorzubereiten den gigantischen digitalen Transformationsprozess, der ja gerade erst begonnen hat, erfolgreich zu meistern.

Gründer und Entrepreneur Homa hat auf dieser Reise schon viele Etappen zurückgelegt. "Seit meinem ersten Businessplan vor mehr als fünf Jahren ist viel passiert, auch einiges, mit dem wir nicht gerechnet hatten. Aber wir liegen sehr gut auf Kurs." Und Homa hat noch einen Tipp für Gründungsinteressierte parat: "Man darf nicht fürchten, aber nicht unterschätzen, was Unternehmensgründung bedeutet. Und man sollte Institutionen wie die Abteilung Forschungs- und Transfersupports an der TU Wien als wertvolle Partner betrachten - und nicht als potenzielle Konkurrenten für eine gute Idee."

 

Pitch Challenge: Die Zukunft hat begonnen

Teilnehmer_innen der i²c StartAcademy konnten am Networking Friday ihre Projekte vor zahlreichen Gästen und einer mehrköpfigen Jury aus namhaften Vertretern der österreichischen Business Angel und Investoren Szene präsentieren. BYRD - ein On-Demand Versandservice, der es Kunden ermöglicht, Produkte mit ihrem Smartphone zu versenden - durfte sich über den Platz im TUW i²nkubator sowie einen Büroplatz im TUW Founder Space und den StartupLeitner Award freuen. Evologic - die das Ziel verfolgt, Bioprozessentwicklung um die wirtschaftliche Anwendung von Pilzen zur natürlichen Ertragssteigerung in der Landwirtschaft zu ermöglichen - wurde mit dem i²c Award ausgezeichnet. Mit CrysPi (Herstellung von Hochleistungs-Polymeren (Polyimide) von herausragender Kristallinität) und Jumpy (Simulator, der das Fliegen in virtueller Umgebung ermöglicht) erhielten gleich zwei Projekte einen Platz im INiTS Startup Camp. JustMe - Kamera-Applikation einer neuen Generation, die es ermöglicht, wunderschöne Fotos einer Szene zu schießen, ohne störende bewegende Objekte zu erfassen - gewann den Pitching‐Workshop. Mehr noch: Startup300 bot JustMe aufgrund des großen Interesses ein potenzielles Investement von 10.000 Euro nach zusätzlicher Konkurrenzanalyse an. Und FearlessLife - das älteren Personen und deren Angehörigen Komfort und Sicherheit bietet - freut sich über ein CONDA Crowdinvesting Consulting Package.

Infos

Forschungs- und Transfersupport

Die Abteilung Forschungs- und Transfersupport unterstützt ForscherInnen und Forschungsgruppen der TU Wien bei unterschiedlichen Forschungs- und Verwertungsaktivitäten – und ebnet so Wege zu neuen Lösungen.

http://www.tuwien.ac.at/dle/forschungs_und_transfersupport/

Ergebnisse prüfen und verwerten

Das von Birgit Hofreiter 2012 initiierte und geleitete Informatic Innovation Center (kurz: i²c) bietet mit der i2c StartAcademy ein österreichweit einzigartiges Bootcamp für R&D Kommerzialisierung, wo Wissenschaftler_innen ihre Ergebnisse auf Verwertbarkeit überprüfen können.

http://i2c.ec.tuwien.ac.at


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