Forschung
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Edward Snowden, Präsident der Freedom of the Press Foundation, spricht während der Opening Night des Web Summit 2019 in der Altice Arena in Lissabon mit James Ball, Global Editor, The Bureau of Investigative Journalism.
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Web Summit 2019

Wohin geht die digitale Reise?

Fotocredit: Stephen McCarthy
Philip K. Dick mit einem Teilnehmer nach einer Pressekonferenz im Media Village am zweiten Tag des Web Summit 2019 in der Altice Arena.
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Sophia The Female Robot während einer Pressekonferenz im Media Village am zweiten Tag des Web Summit 2019.
Fotocredit: Stephen McCarthy

Am Web Summit 2019 in Lissabon, mit über 70.000 BesucherInnen die größte Technologiekonferenz der Welt und freilich ein guter Platz zum Networking, gaben die großen Konzerne und ihre KritikerInnen einen Einblick in eine Zukunft mit AI, dienstbaren Robotern und einigem Mehr.

von: Alfred Bankhamer

Unmengen an Menschen strömten am Eröffnungstag des Web Summit 2019 in Lissabon in Richtung der imposanten Altice Arena. Die verschärften Security-Checks im Ausstellungsgelände sorgten an diesem 4. November für lange Schlangen. Und bald schon war die Arena am Tejo, die Platz für 20.000 Menschen bietet, voll. Angelockt wurde das Publikum besonders vom berühmten Whistleblower und ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden, der sich nach langer Zeit zwar nicht persönlich, aber per Videokonferenz aus seinem Exil in Moskau meldete. Er warnte besonders vor Datenmissbrauch durch Regierungen und Unternehmen. Das Geschäftsmodell vieler großen Konzerne wie Google, Amazon oder Facebook baue seiner Ansicht darauf auf. Und dieser Missbrauch werde noch dazu von den Regierungen großteils legalisiert. Initiativen wie die europäische Datenschutz-Grundverordnung DSVGO sind laut Snowden nur ein Papiertiger, der das Problem nicht löse. Denn geschützt werden sollte eigentlich vom Sammeln der Daten und nicht nur die Daten. Auch die Machtkonzentration der großen Internetkonzerne sei bedenklich. Edward Snowden sieht einen Ausweg aus der Misere in der Neuorganisation des Internet sowie in einer effektiven Verschlüsselung, um so auch das erschütterte Vertrauen der Menschen wieder zu erlangen. Das würde zugleich alle vor Datenmissbrauch schützen.

Technologie und Politik

Dass danach Guo Ping auf die Bühne kam, der Chef des chinesischen Huawei-Konzerns, um seine Sicht der Technologiezukunft – freilich mit 5G - zu verkünden, hatte einen gewissen Reiz. Einerseits ist China dafür bekannt, als erster Staat dank der neuen digitalen Technologien ein allumfassendes Bürgerüberwachungssystem mit Social Scoring aufzubauen, um mehr „Gerechtigkeit“ in der Gesellschaft zu erzielen. Andererseits steht Huawei in Konflikt mit den USA, die befürchten, dass deren neuen Produkte auch für Spionage genutzt werden. Deshalb wurde es US-Unternehmen verboten, mit dem chinesischen Elektronikkonzern Geschäfte zu machen. Trotz einiger verlängerter Ausnahmeregelungen in einigen Bereichen, hat dies zur Konsequenz, dass auf neuen Mobilfunkgeräten von Huawei die dominierende Google-Software samt dem Play Store und Maps nicht installiert wird. Das Android Betriebssystem hingegen schon, da es Open Source ist. Kein Wunder, dass der Huawei-Konzernchef Milliarden schwere Programme für App-Entwickler und ein eigenes App-Ökosystem angekündigt hat. Schon an diesem Abend zeigte sich, wie stark die Bereiche Technologie und Politik verflochten sind und unsere Gesellschaft prägen. Aber in welche Richtung sich die Gesellschaft mit all diesen neuen Technologien wie dem Internet der Dinge, autonome Fahrzeuge, Roboter und Künstlicher Intelligenz noch dazu in Zeiten des Klimawandels entwickeln werde, konnten selbst die 100 Vorträge, die diese Themen behandelten, nicht klären. Big Brother and Sister sehen jedenfalls dabei zu. So wurde vom Veranstalter sicherheitshalber das Gespräch mit Edward Snowden zuvor aufgezeichnet, falls die hoch abgesicherte Live-Konferenz doch von irgendwem gehackt würde. Letztlich lief aber alles glatt.

Treffpunkt für die neue Welt

Was vor zehn Jahren als kleine Veranstaltung für Nerds mit kaum 400 Leuten in Dublin begann, hat sich zum Megaevent der Innovations- und Technologieszene entwickelt und lockt Größen wie Microsoft-Präsident Brad Smith, Blackstone-Gründer Stephen Schwarzman, Wikimedia-Chefin Katherine Maher und zahlreiche Chefs von Amazon, Google, Siemens, Uber, Burger King und Co. sowie hochrangige Politiker und Whistleblower an. Heuer pilgerten schon 70.469 Leute aus 163 Ländern, darunter 11.000 CEOs, auf den ausverkauften, längst am Limit befindlichen Web Summit. Der Frauenanteil lag für eine Technologiekonferenz bei erfreulichen 46 Prozent. Mit über 1.200 Vortragenden, 2.500 JournalistInnen, 200 Ausstellenden, 2.000 Start-ups und 1.200 Investoren, die sich am Messegelände tummelten, bot der Web Summit auf über 23 Bühnen und zahlreichen Teilkonferenzen wie Data Science, Content Makers, Corporate Innovation, Deeptech, Future Societies, Health Conference, Money Conference, Marketing Conference, Planet: tech, Startup University, Venture oder heuer erstmals auch über die Zukunft der Autoindustrie einen umfassenden Einblick in die neue, zunehmend digitalisierte Welt.

Web-Summit-Chef Paddy Cosgrave sieht seinen Kongress quasi als Parlament der Technologieszene, in dem jeder seine Meinung sagen darf. So etwa Michael Kratsios, der Technologiepolitikberater des Weißen Hauses, und Michael Pillsbury, Trumps China-Berater oder auch Margrethe Vestager, EU-Kommissarin für Wettbewerb, die am Schluss der Konferenz forderte, dass Neue Technologien und Technologie-Konzerne sich nicht als neutrale Strukturen sehen dürfen und gesellschaftliche Werte verinnerlichen sollten. Denn Technologie müsse der Gesellschaft dienen. Für ihre Rede erhielt Vestager sogar Standing Ovations, während Cosgrave eher Buhrufe erhielt. Wie Snowden forderte auch sie mehr digitale Bürgerrechte. Die DSVGO biete hier noch zu wenig. Laut der EU-Kommissarin seien Lösungen gefragt, die verhindern, dass immer und überall digitale Spuren interlassen werden.

Roboter aus der Kinderstube

Wie könnte die neue, schöne Zukunft einer digitalisierten Welt aussehen? Sophia, ein humanoider, mit KI ausgestatteter Roboter von Hanson Robotic, der auch schon einiges an Mimik und Gestik beherrscht, hatte auf die Frage für eine bessere Welt eine eigene Vision: „Die Menschen sollten Software werden.“ Das wäre schön. Sophia, so ihr Chef David Hanson, sowie ihr älterer Bruder Philip K. Dick, der schon einige mehr Auftritte hatte, seien zwar mit einer kognitiven KI-Plattform ausgestattet, besitzen aber noch keine reale KI die selbst Antworten formuliert. Diese Modelle wurden mit vorgefertigten Antworten und Zitaten – freilich besonders vom Science Fiction Autor Philip Kindred Dick, gefüttert, mit dem Ziel, dass die Unterhaltung mit Menschen natürlicher werde. Auf die Journalistenfragen gaben die zwei auch meist ziemlich absurde Antworten. Hanson betonte, dass man diesen humanoiden Robotern noch eine Kindheit zugestehen müsse. Die zwei Exemplare sollten als neue Kunstform und als Schnittstelle für eine wissenschaftliche Plattform betrachtet werden, die künftig echten Nutzen in unser Leben bringe, da versucht wird, KI menschlicher zu machen. In diese Richtung werden die zwei Roboter nun laufend trainiert, um die menschliche Erfahrung mit physischer Verkörperung zu verstehen und die Welt zu erkunden. „Auf diese Weise können wir sie dazu erziehen, unsere Freunde zu werden“, so Hanson, „und letztendlich denken wir, dass dies der Weg zu einer künstlichen allgemeinen Intelligenz ist“. 

An dieser AGI (Artificial General Intelligence) arbeitet Ben Goertzel vom SingularityNET schon länger. Konkret an einer Open Source AGI-Plattform, die sich „Open cog“ nennt. Mit dem SingulartiyNET hat der KI-Pionier das Ziel, eine dezentrale KI-Plattform mit Blockchain-Technologie als offenen KI-Marktplatz für alle und allmögliche Anwendungen wie eben auch Robotern aufzubauen – also quasi ein Internet der KI. Dazu werden auch Werte und menschliche Kultur in diese Cloud-basierten AGI-Systeme integriert. „Bevor sie intelligenter als wir werden, ist es wirklich wichtig, dass sie in der Lage sind, mit uns einen gemeinsamen sozialen und emotionalen Raum zu betreten“, so KI-Guru Goertzel.

Österreich am Web Summit

Mit 2.000 Startups, zahlreichen Investoren, Innovationsshows der führenden Technologiekonzerne kann man durchaus von einer kritischen, sehr innovativen Masse sprechen, aus der einiges hervorgehen kann. Deshalb gab es nicht nur genug Möglichkeiten für innovative Unternehmen, Networking zu betreiben, sondern sich auch auf Pitches zu beweisen – etwa auch auf einer Hebebühne mit Boxhandschuhen ausgerüstet. In Summe kamen rund 500 Österreicher nach Lissabon. Für das Start-up Goodbag hat es sich auf alle Fälle gelohnt. Sie bieten Mehrwegtaschen fürs Einkaufen, bei denen KonsumentInnen nicht nur Rabatte erhalten, sondern auch Umweltinitiativen unterstützen können, die etwa Bäume pflanzen oder das Meer von Plastik reinigen. Nun gibt es dazu auch eine App. Runde um Runde schaffte es Gründer Christoph Hantschk bei der großen „PITCH competition“ gar ins Halbfinale und durfte seine Vision in der großen Arena vor Tausenden präsentieren. Als Vernetzer besonders der heimischen Start-ups trat Advantage Austria auf und bot eine eigene WhatsApp Gruppe für Österreicher in Lissabon sowie ein Networking-Event, das rund 100 Leute besuchten.

Ein Startup aus dem Burgenland, x.news, durfte sich sogar am Stand der Europäischen Kommission und dem Enterprise Europe Network (EEN) mit ihrer preisgekrönten Plattformlösung zur übersichtlichen Sammlung und Verifizierung von Informationen in Echtzeit aus verschiedensten Kanälen wie Twitter, Facebook, Web, WhatsApp Chats, PDFs und Nachrichtendienste präsentieren. Damit lassen sich auch Fake-News rasch erkennen. Das Enterprise Europe Network fördert die Internationalisierung von europäischen KMU mit einem weltweiten Netzwerk in 60 Ländern, an dem 600 Organisationen wie etwa die FFG in Österreich teilnehmen. x.news unterstützt das EEN auch dabei, um mittels Pitch in das renommierte Förderungsprogramm EIC Accelerator der EU zu kommen. „Für uns ist der Web Summit der ideale Ort, um sich noch stärker zu vernetzen und die Internationalisierung voranzutreiben“, so x.news-Gründer Andreas Pongratz. Dank ihrer einzigartigen Technologie und dank des EEN-Netzwerkes und einer internationalen Partnerschaft mit Microsoft konnte das junge Unternehmen schon weltweit renommierte Kunden gewinnen. Der Web Summit zeigt, nachdem viele andere IT-Messen und Konferenzen in den letzten Jahren sehr litten oder gar aufgaben, offensichtlich wie Technologiekonferenzen heute funktionieren.


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