Ausgangspunkt der Untersuchung sind die verheerenden Waldbrände in Kalifornien Anfang 2025. | © BOKU University
Ob Waldbrände, Hochwasser oder andere Naturgefahren – wissenschaftliche Erkenntnisse zum Schutz vor Katastrophen sind vielfach vorhanden. Dennoch steigen die Schäden weltweit weiter an. Eine im Juni veröffentlichte Studie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der BOKU untersucht, warum die Umsetzung wirksamer Vorsorgemaßnahmen häufig scheitert.
Ausgangspunkt der Untersuchung sind die verheerenden Waldbrände in Kalifornien Anfang 2025. Ein Wohnhaus in Pacific Palisades, das dank gezielter Schutzmaßnahmen weitgehend unversehrt blieb, verdeutlicht laut den Forschenden, dass wirksamer Katastrophenschutz grundsätzlich möglich ist – sofern vorhandenes Wissen konsequent angewendet wird.
Wissen vorhanden, Umsetzung mangelhaft
Die im Fachjournal Natural Hazards and Earth System Sciences veröffentlichte Studie kommt zu dem Schluss, dass nicht fehlendes Wissen das Hauptproblem ist, sondern dessen mangelnde Umsetzung in Planung, Baupraxis, Verwaltung und Politik.
„An diesem Gebäude konnte man sehen: Das Wissen ist da. Man weiß, wie man in Waldbrandgebieten so baut, dass die Wahrscheinlichkeit einer Zerstörung sinkt. In diesem Fall wurde dieses Wissen umgesetzt – und man sieht das Resultat“, sagt Margreth Keiler vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der ÖAW.
Studienerstautor Sven Fuchs von der BOKU University ergänzt: „Wir wissen wissenschaftlich immer besser, wie Risiken reduziert werden können – und trotzdem werden die Schäden immer größer. Zwischen dem, was die Wissenschaft weiß, und dem, was in der Praxis passiert, klafft eine Lücke.“
Vier zentrale Hürden
Die Forschenden identifizieren vier wesentliche Ursachen dafür, dass Katastrophenvorsorge häufig hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt:
- fehlendes Risikobewusstsein,
- begrenzte finanzielle und organisatorische Ressourcen,
- falsche Anreize, etwa beim Wiederaufbau nach Katastrophen,
- unklare Zuständigkeiten zwischen Behörden und Verwaltungsebenen.
Besonders kritisch sehen sie, dass nach Naturkatastrophen oft an denselben Standorten wieder aufgebaut wird, ohne das Risiko ausreichend zu reduzieren.
„Dann ist Wiederaufbau keine Vorsorge, sondern eine Vorbereitung auf den nächsten Schaden”, sagt Keiler.
Lehren auch für Europa
Die Erkenntnisse seien nicht auf Kalifornien beschränkt. Ähnliche Muster zeigten sich bei Überschwemmungen in Europa, den Erdbeben in der Türkei und Syrien oder anderen Extremereignissen.
Die Autorinnen und Autoren plädieren deshalb für langfristige Strategien, verständliche Risikokommunikation sowie bessere Rahmenbedingungen für Präventionsmaßnahmen. Gleichzeitig müsse Katastrophenvorsorge stärker als gesellschaftliche Aufgabe verstanden werden.
„Viele Menschen, die besonders stark von Klimawandelfolgen und Naturgefahren betroffen sein werden, haben zugleich weniger Ressourcen, um sich anzupassen“, betonen Sven Fuchs und Margreth Keiler. Entscheidend sei daher die Frage, „wie verhindert werden kann, dass Naturgefahren bestehende soziale Ungleichheiten weiter verschärfen.“
