Hannah Wundsam: „Es gab noch nie eine bessere Zeit, um ein Unternehmen zu gründen. Die KI bietet dabei wertvolle Unterstützung.“ | © AustrianStartups
Austria Innovativ: Wie ist die Start-up-Szene in Österreich aufgestellt?
Hannah Wundsam: International sehen wir derzeit, dass Österreich außergewöhnliche Talente hervorbringt. In den vergangenen Monaten hat ein Thema das Internet besonders dominiert: OpenClaw, ein KIAgententool, gegründet von Peter Steinberger. Er hat bereits sein erstes Start-up, PSPDFKit, sehr erfolgreich verkauft und sorgt nun weltweit in der KI-Szene für Aufsehen. Ein weiteres Beispiel sind zwei der am besten finanzierten neuen AI-Unternehmen in den USA: Magic AI und Liquid AI – beide wurden von Österreichern gegründet.
Die Herausforderung besteht darin, dass es uns nicht immer gelingt, diese Talente auch im Land zu halten. Dabei wären die Voraussetzungen sehr gut: Wir verfügen über starke Universitäten und hervorragende Forschung. Auch die Zahl der Patente, die jährlich in Österreich entstehen, ist im internationalen Vergleich sehr konkurrenzfähig. Was jedoch häufig nicht gelingt, ist, aus diesen Patenten auch tatsächlich innovative Start-ups in Österreich zu entwickeln.
Woran fehlt es in Österreich bei der Entwicklung von Start-ups? Am Geld oder am Support?
Es wäre wichtig, dass Forschende die Möglichkeit sehen, ihre Arbeit selbst in Form eines Unternehmens weiterzuführen – und dafür auch einen entsprechenden Anreiz haben. In Österreich gelten Forschende vor allem dann als erfolgreich, wenn ihre Arbeit in wissenschaftlichen Journalen zitiert wird, weniger jedoch, wenn sie ein Unternehmen gründen. Erfolg wird also primär auf akademischer Ebene definiert.
Dabei beginnt eine Geschäftsidee oft mit Forschung und könnte daraus weiterentwickelt werden. In dieser Hinsicht gibt es bereits gute Initiativen, etwa das Spin-Off-Fellowship der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG, das dabei unterstützt, Forschung auch finanziell in Unternehmensgründungen zu überführen. Dennoch braucht es deutlich mehr. Wenn man etwa Liquid AI betrachtet: Hinter diesem KI-Unternehmen stehen eigentlich Forscher der Wiener Technischen Universität, die sich dort mit Grundlagenforschung beschäftigt haben. Sie haben sich das neuronale Netzwerk eines Wurms angesehen, das besonders interessant war, und sind anschließend ans MIT gegangen. Dort wurden sie innerhalb kürzester Zeit gefragt, ob sie ihre Forschung nicht zu einem Unternehmen weiterentwickeln möchten – und ihnen wurde eine hohe Summe an Investment angeboten.
Welche Unterstützung gibt es für Forschende, die in Österreich Start-ups gründen wollen?
An den Universitäten gibt es Fonds, die auch in Spin-offs investieren. Dort steht deutlich mehr Kapital zur Verfügung, um Ausgründungen zu unterstützen. Das zeigt, dass es auch in Österreich bereits gute Ansätze gibt. Inzwischen gibt es neue Initiativen, bei denen universitäre Fonds gezielt in Spin-offs investieren.
An der WU ist das etwa WU Ignite Ventures, an der TU Noctua Science Ventures. Diese Initiativen wurden zunächst vom Staat finanziert und dann – wie im Fall von Necture Ventures – gemeinsam mit Speedinvest, einem der größten in Europa und in Wien ansässigen Venture-Capital- Fonds, weiter ausgebaut. Ziel ist es, gezielt in Gründungen zu investieren. Mein Wunsch wäre hier, den Fokus noch stärker darauf zu legen und diese Budgets deutlich aufzustocken, denn das Potenzial ist enorm und ließe sich sehr gut hebeln.
In welchen Bereichen zeigt sich Österreichs Start-up- Szene als Vorreiterin?
Ein Bereich, in dem Österreich floriert und auch früh eine Vorreiterrolle eingenommen hat, ist jener der nachhaltigen und sozialen Innovation. Bereits vor mehr als zehn Jahren wurde hier einer der ersten großen Impact Hubs gegründet, mit dem Ziel, Innovationen im sozialen und nachhaltigen Bereich zu skalieren.
Eines unserer größten und erfolgreichsten Start-ups – beziehungsweise mittlerweile Scale-ups – ist Refurbed, die Plattform für refurbished Electronics. Dort hat vieles begonnen. Inzwischen ist das Unternehmen in vielen Bereichen aktiv und zählt zu den größten Anbietern für Produkte, die ein zweites Leben erhalten. Gleichzeitig entstehen in diesem Feld zahlreiche neue Unternehmen, die derzeit noch in den Kinderschuhen stecken.
Was tut sich auf europäischer Ebene? Wo steht Österreich in diesem Kontext?
Ich glaube tatsächlich, dass es noch nie eine bessere Zeit gab, ein Unternehmen zu gründen. Mit den neuen KI-Tools kann man innerhalb kürzester Zeit Produkte und Lösungen entwickeln und technisch sozusagen „vibe coden“. Das bedeutet, dass man mit Sprache arbeitet und Tools nutzt, die diese Sprache beziehungsweise die sogenannten Prompts direkt in Code umwandeln. Dadurch wird es auch für Menschen ohne technischen Hintergrund möglich, technische Projekte umzusetzen. Auf europäischer Ebene gibt es derzeit außerdem eine Initiative namens EU Inc. Ziel ist es, innerhalb von 48 Stunden komplett online eine europäische Rechtsform gründen zu können, mit der sich Unternehmen schneller europaweit skalieren lassen. Ich habe das Gefühl, dass wir gerade ein Momentum erleben, in dem Europa versteht: Wir müssen wettbewerbsfähiger werden, wir müssen souveräner werden und wir müssen europäische Antworten auf die großen Tech-Giganten aus den USA entwickeln. Dieses Momentum sollten wir nutzen, um europäische, diverse und nachhaltige Start-ups zu gründen, die von unseren Werten getragen sind.
Bei AustrianStartups gibt es die Youth Entrepreneurship Week – was kann man sich darunter vorstellen?
Ein wichtiger Ansatzpunkt, um Unternehmertum voranzutreiben, ist die Bildung. Mit AustrianStartups haben wir die Youth Entrepreneurship Week gestartet – eine Art „Schul-Ski-Kurs für Entrepreneurship“. Oberstufenklassen aus ganz Österreich, von HTL, HAK und Gymnasien bis zu polytechnischen Schulen, arbeiten eine Woche lang an einem Problem aus ihrem Umfeld, entwickeln eine Lösung, bauen Prototypen, holen Feedback von Mentor:innen ein und präsentieren ihre Idee.
Wir sehen dabei einen starken Effekt darauf, ob sich junge Menschen vorstellen können, später selbst zu gründen – also ob sie Unternehmertum als mögliche Zukunft für sich sehen. Besonders profitieren Schüler:innen von der Initiative, die im klassischen Schulsystem nicht unbedingt zu den Einser-Schülern gehören, aber sehr kreative und innovative Ansätze entwickeln. Auch Mädchen sprechen stark auf das Programm an – in den Gewinnerteams sind oft mehr junge Frauen als Burschen. Gleichzeitig sind in der österreichischen Startup- Szene derzeit nur rund 22 % der Gründerinnen weiblich. Das Projekt haben wir gemeinsam mit der Initiative for Teaching Entrepreneurship (IFTE) gestartet, finanziert vom Wirtschaftsministerium, der WKO und dem Bildungsministerium.
Mit der Stiftung „Unternehmerische Zukunft“, die wir dieses Jahr gegründet haben, treiben wir das Thema gemeinsam mit IFTE weiter voran. Ziel ist ein stärkeres unternehmerisches Mindset. Mit AustrianStartups unterstützen wir anschließend jene, die erste Schritte gemacht haben, dabei, er folgreich zu werden und zu skalieren. Grundsätzlich wäre es wünschenswert, Entrepreneurship noch stärker im Bildungssystem zu verankern. Erste Schritte gibt es bereits, etwa durch Entrepreneurship Education im Lehrplan. Die nächste Stufe sind die Universitäten: In der aktuellen Industriestrategie wird etwa vorgeschlagen, die Förderung von Spin-offs und Ausgründungen, die hier passieren, in den Leistungsvereinbarungen der Hochschulen zu inkludieren.
Wie viele Mitglieder hat das Netzwerk AustrianStartups und aus welchen Sparten kommen diese vor allem?
AustrianStartups ist als gemeinnütziger Verein für seine Mitglieder da, arbeitet aber auch für das gesamte Ökosystem. In Österreich gibt es derzeit rund 3.800 Start-ups, und sie sind in nahezu allen Industrien vertreten. Die stärkste Branche ist die Softwaretechnologie, dort finden sich die meisten Start-ups. Gleichzeitig gibt es viele Unternehmen in der Energiewirtschaft und im Bereich Life Sciences. Je nach Bundesland zeigen sich unterschiedliche Schwerpunkte: In Niederösterreich gibt es etwa einen starken Life- Science-Hub, in der Steiermark viele Green-Tech-Start-ups und in Oberösterreich eher industrienahe Technologien. Das hängt auch stark mit der jeweiligen wirtschaftlichen Ausrichtung und den dort ansässigen Universitäten zusammen.
AustrianStartups versteht sich auch als Netzwerkorganisation. Man kann sich den Verein ein Stück weit wie eine Dachorganisation vorstellen, die die unterschiedlichen Player im Ökosystem zusammenbringt und stärker vernetzt. Gleichzeitig arbeiten wir auch an den strukturellen Rahmenbedingungen in Österreich, etwa im Austausch mit der Politik. Dazu gehört auch der Austrian Startup Monitor, mit dem wir regelmäßig Zahlen und Fakten zur Start-up-Szene erheben und Entwicklungen sichtbar machen.
Wenn ich gründen möchte, welche Unterstützung oder Anregung bekomme ich bei AustrianStartups?
AustrianStartups ist für viele eine erste Anlaufstelle. Jeden dritten Dienstag im Monat veranstalten wir den Austrian Startups Stammtisch. Dabei erzählen drei Gründer:innen ihre Geschichte, anschließend gibt es Austausch und offenes Netzwerken zu einem wechselnden Thema. Ziel ist es, Interessierten eine Community zu bieten und jenen, die bereits gegründet haben, einen regelmäßigen Treffpunkt zum Vernetzen. Für Startups, die schon weiter sind, gibt es außerdem die Möglichkeit, Mitglied zu werden. Dann entstehen etwa Peer Circles – kuratierte Gruppen, in denen sich Gründer:innen regelmäßig austauschen.
Zusätzlich stellen wir viele Ressourcen bereit, etwa Templates für Convertible Loan Agreements, die einen Einblick geben, wie ein Termsheet oder eine erste Investmentvereinbarung aussehen kann. Dazu kommen Newsletter, ein Podcast und laufende Informationen über Entwicklungen im Start-up-Ökosystem, politische Rahmenbedingungen und wichtige Events. So finden Gründer:innen alles, was sie brauchen, um gut vernetzt und informiert zu sein – sowohl für die ersten Schritte als auch für die nächsten Wachstumsphasen.
Welche Rolle spielen Startups für die Weiterentwicklung von Wirtschaft, Unternehmertum und Gesellschaft? Ich glaube, es ist wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen: Start-ups entwickeln Lösungen, die innovativ sind, neue Problemstellungen unserer Zeit adressieren und diese schnell vervielfachen, also skalieren können. Genau das ist das Konzept eines Start- Ups: innovativ und skalierbar, wodurch sie sich innerhalb weniger Jahre zu sogenannten Scale-Ups oder großen Unternehmen entwickeln.
Wenn man zurückblickt, waren die heutigen Big Techs vor 20 Jahren ebenfalls kleine Garagen-Start-Ups, und heute sind sie die Treiber der amerikanischen Wirtschaft. Europa muss diese Entwicklung noch stärker unterstützen und leben. Die Start-ups und Scale-Ups von heute können die Industrieunternehmen und Big Techs von morgen werden. Mir ist es wichtig, dass sie auf europäischen Werten basierend gegründet und geführt werden, damit wir wettbewerbsfähiger werden und eine europäische Antwort auf die Frage nach der zukünftigen Gestaltung unserer Welt geben.
