Laut Mittelstandsbarometer 2026 bleibt der Fachkräftemangel weiterhin das größte Risiko für Unternehmen. | © Shutterstock
Austria Innovativ: Herr Lehner, wie viele Fachkräfte fehlen derzeit in Österreich und insbesondere in Wien?
Erich Lehner: Für Österreich liegen – je nach Messmethode – Schätzungen im Bereich von rund 138.000 bis 176.000 offenen Stellen vor. Für Wien gibt es vor allem belastbare Auswertungen zu Engpassberufen (AMS-Fachkräftebarometer), eine einzelne ‚Fehlzahl‘ ist wegen unterschiedlicher Definitionen weniger seriös.
Wie viele werden es 2040 sein?
Studien und Szenarien von Arbeitsmarktforscher:innen zeigen, dass der Engpass bis 2040 deutlich über mehrere hunderttausend Stellen liegen könnte, wenn keine Gegenmaßnahmen gesetzt werden.
Welche Haupt-Maßnahmen gegen fehlende Mitarbeitende empfehlen Sie Ihren Kunden? Wenn diese nicht ausreichen, wie sehen die nächsten Schritte aus?
Der Fachkräftemangel ist kurzfristig nicht vollständig lösbar. Unternehmen können seine Auswirkungen jedoch deutlich reduzieren, indem sie Abläufe vereinfachen, gezielt in die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden investieren, qualifizierte Zuwanderung nutzen und Automatisierung sowie Künstliche Intelligenz dort einsetzen, wo sie sinnvoll entlasten.
Wie ist die Situation bei den Lehrstellen? In welchen Bereichen gibt es ein Über- bzw. Unterangebot?
Die Lehrstellensituation lässt sich nicht mit einer einzelnen Kennzahl beschreiben. Sie variiert stark nach Region und Branche. Während es in manchen Bereichen ausreichend Angebote gibt, bleiben Lehrstellen in anderen – insbesondere in technischen und handwerklichen Berufen – regelmäßig unbesetzt. Entscheidend ist daher weniger die Gesamtzahl, sondern die Übereinstimmung zwischen Angebot und Nachfrage.
Wie sollen Unternehmen ausländische in Österreich Studierende ansprechen, damit diese nach ihrer Ausbildung in Österreich bleiben?
Der wichtigste Faktor ist frühe Bindung. Unternehmen sollten internationale Studierende bereits während des Studiums einbinden – etwa über Praktika, Teilzeitstellen oder Abschlussarbeiten. Ebenso wichtig ist eine klare Perspektive nach dem Studium und Unterstützung bei aufenthaltsrechtlichen Fragen. Wer diesen Übergang aktiv begleitet, hat deutlich bessere Chancen, Talente zu halten.
Worum geht es in der neuen App „Come2Austria“?
‚Come2Austria‘ ist eine regionale digitale Serviceplattform, die im Rahmen der internationalen Fachkräftestrategie in Oberösterreich entwickelt wurde. Ziel ist es, internationalen Fachkräften den Einstieg in Österreich zu erleichtern, indem Informationen zum Arbeiten, Leben und Ankommen gebündelt zur Verfügung gestellt werden. Es handelt sich dabei um ein unterstützendes Angebot, nicht um ein behördliches Instrument.
Wie könnte KI beim Kampf gegen den Fachkräftemangel eingesetzt werden?
Künstliche Intelligenz wird den Fachkräftemangel nicht lösen, aber sie kann ihn spürbar abfedern. Besonders dort, wo Routinetätigkeiten automatisiert oder Wissen schneller verfügbar gemacht wird, gewinnen Fachkräfte Zeit für anspruchsvollere Aufgaben. Genau diese Zeit ist heute oft der Engpass.
In welchen Bereichen gibt es die größten Unterschiede zwischen Ihrem Mittelstandsbarometer 2008 versus 2026?
Das EY Mittelstandsbarometer wird seit 2008 regelmäßig erhoben. Der Blick über diesen langen Zeitraum zeigt eine klare Verschiebung: Während Fachkräftemangel früher stärker konjunkturabhängig war, ist er heute ein strukturelles Thema. Demografische Effekte, Pensionierungswellen und ein zunehmender Qualifikationsmismatch prägen die Situation deutlich stärker als noch vor 15 oder 20 Jahren. Zwar gibt es immer wieder Phasen mit leichter Entspannung, insgesamt bleibt der Fachkräftemangel jedoch ein dauerhaftes Wachstumshemmnis für den Mittelstand. Genau diese langfristige Perspektive macht sichtbar, dass kurzfristige Maßnahmen allein nicht ausreichen.
Einerseits suchen die Unternehmen händeringend nach Fachkräften, andererseits steigen die Arbeitslosenzahlen. Wie ist dies zu erklären?
Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel können gleichzeitig steigen, weil offene Stellen und verfügbare Arbeitskräfte oft nicht unmittelbar zusammenfinden. Viele Unternehmen suchen sehr spezifische Qualifikationen oder Berufserfahrung, während arbeitslose Personen diese Anforderungen nicht immer erfüllen oder kurzfristig erfüllen können. Hinzu kommen regionale Unterschiede, unterschiedliche Arbeitszeitvorstellungen sowie Betreuungspflichten, die die tatsächliche Verfügbarkeit einschränken. Der Fachkräftemangel ist daher weniger ein Mengenproblem, sondern vor allem eine Frage von Qualifikation, Einsatzmöglichkeiten und Rahmenbedingungen. Die zentrale Frage ist, wie wir mit den vorhandenen Arbeitskräften effizienter arbeiten können. Der Fachkräftemangel lässt sich kurzfristig nicht beheben, wohl aber abfedern – durch klarere Prozesse, gezielte Weiterbildung und den sinnvollen Einsatz neuer Technologien.
Wie könnte der Staat unterstützend gegen den Fachkräftemangel vorgehen?
Der Staat kann an mehreren entscheidenden Hebeln ansetzen. Erstens braucht es eine stärkere Ausrichtung von Aus- und Weiterbildungsangeboten am tatsächlichen Bedarf des Arbeitsmarkts. Zweitens ist es wichtig, Vollzeitarbeit wieder attraktiver zu gestalten und vorhandene Stundenpotenziale für den Arbeitsmarkt besser nutzbar zu machen. Drittens spielt qualifizierte Zuwanderung eine zentrale Rolle. Hier geht es weniger um Quantität als um gezielte, gut gesteuerte Zuwanderung sowie um effiziente Anerkennungs- und Verwaltungsprozesse.
