„Verteidigung, um unser Überleben zu sichern“: Mit den bewaffneten Camcopter S-101 und S-301 bietet Schiebel fortschrittliche und einsatzbereite bewaffnete Systeme. | © ESA/CNES/J. Georget, Schiebel Defence, Anna Rauchenberger Beyond Gravity
Vor 20 Jahren glaubte Europa an eine stabile Friedensordnung: Russland wurde unter Putin als berechenbarer Partner gesehen. Amerika als Freund und Schutzmacht. China als verlängerte Werkbank. Die Welt schien sich zum friedlichen globalen Dorf zu wandeln. Heute steht Europa vor einer beinahe umgekehrten Situation. Russland führt seit mehr als vier Jahren Krieg gegen die Ukraine. Auf den jahrzehntelang wichtigsten Verbündeten USA ist kein uneingeschränkter Verlass mehr. China wurde ein in manchen Bereichen bereits überlegener wirtschaftlicher Konkurrent.
Die Hoffnung auf ein partnerschaftliches Zusammenleben im globalen Dorf hat sich zerschlagen. Europa muss sich neu ausrichten: „Die gravierenden geopolitischen Veränderungen machen Europa langsam bewusst, wie wichtig es ist, souveräner und eigenständiger zu werden“, sagt Walter Feichtinger, ehemaliger Brigadier des Bundesheeres und heute als Präsident des Center for Strategic Analysis (CSA) gefragter Experte für Sicherheitsfragen.
Feichtinger glaubt, dass Europa und die USA möglicherweise wieder freundlicher miteinander sprechen werden, sich an der grundsätzlichen Situation aber nichts ändern wird. Der Grund: „Europa ist von den USA als wirtschaftlicher Konkurrent eingestuft worden.“ Die Abhängigkeit Europas in strategisch wichtigen Bereichen – von Künstlicher Intelligenz bis zur Quantentechnik, von Kommunikationssystemen über Satelliten bis zu Halbleitern und Sensoren – liege dabei durchaus im Interesse der Vereinigten Staaten, sagt Feichtinger: „Sie bringt politische Gefügigkeit.“ Deshalb müsse Europa vor allem im Sicherheitsbereich große Schritte in Richtung technologischer Unabhängigkeit machen.
Technologie ist ein Sicherheitsfaktor
Ähnlich sieht es Natalie Guichard von der European Defence Agency (EDA): „Technologie kann nicht mehr als wirtschaftlicher Motor gesehen werden. Sie ist auch ein Sicherheitsfaktor und zunehmend eine Voraussetzung für Souveränität,“ sagte sie auf den Technology Talks Austria 2026. Diese vom AIT Austrian Institute of Technology federführend organisierte Veranstaltung stellte eine Frage in den Mittelpunkt: Wie kann Europa wissenschaftliche Exzellenz in technologische Führungsrolle, industrielle Stärke, strategische Autonomie und langfristige Resilienz umsetzen?
Eine Schlüsselrolle spielen dabei Dual- Use-Technologien– Innovationen, die sich zivil und militärisch nutzen lassen. Expert:innen sehen darin Vorteile für beide Seiten. Ein prägnantes Beispiel ist GPS. In den 1970er Jahren für militärische Zwecke entwickelt, ist es heute aus dem Alltag von Milliarden Menschen und aus Wirtschaft und Wissenschaft nicht mehr wegzudenken. Zivile und militärische Bereiche profitieren von Dual-Use-Technologien auf verschiedensten Ebenen. Bei komplexen Produkten wie Halbleitern sichert der Einsatz im zivilen Bereich hohe Produktionszahlen und senkt so die Kosten für das Militär. Der große kommerzielle Markt beschleunigt zudem die Entwicklung. Starlink, das den umgekehrten Weg von GPS ging, entstand bei Musks SpaceX als kommerzielles Satelliteninternet. Auf dieser Basis entwickelte SpaceX mit Starshield ein ausschließlich auf staatliche und militärische Kunden zugeschnittenes Angebot – in Rekordzeit: Zwischen einem ersten großen US-Militärauftrag für SpaceX-Satelliten und der Präsentation von Starshield lagen nur gut zwei Jahre.
Europas Abhängigkeit von Satellitennetzen
Die Erfahrungen mit Starlink und Starshield im Ukraine-Krieg machen die militärische Bedeutung solcher Satellitennetze ebenso bewusst wie Europas Abhängigkeit von ihrer Verfügbarkeit. Beide Dienste leisten einen entscheidenden Beitrag zur Verteidigungsfähigkeit der Ukraine; Einschränkungen bei der Nutzung wirken sich direkt auf Kommunikation, Drohneneinsätze und Luftverteidigung aus. „Europa ist insbesondere bei Aufklärung und Zielerfassung von den USA abhängig und braucht eigene Sensoren, Satelliten, Daten und Kommunikationssysteme,“ warnte Marie-Agnes Strack-Zimmermann deshalb bei ihrem Wien-Aufenthalt anlässlich der Technology Talks Austria 2026. In einem Pressegespräch forderte die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Europäischen Parlaments eine Neuaufstellung der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik, eine gemeinsame militärische Beschaffung und vor allem weniger Abhängigkeit von den USA.
Unterschiedliche Prioritäten in der Forschung
Die Überlegenheit der USA bei Sicherheits- und Verteidigungstechnologien hängt nicht zuletzt mit unterschiedlichen Prioritäten in der Forschung zusammen. Das zeigt eine Auswertung von OECD- und Eurostat-Daten zu den staatlichen Forschungsbudgets: 2024 standen in den USA rund 199 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung zur Verfügung; 53 Prozent oder rund 106 Milliarden Dollar davon entfielen auf den Bereich Verteidigung. In der EU-27 stellten die Regierungen rund 128 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung bereit. Der Anteil der verteidigungsbezogenen Forschung lag mit knapp fünf Prozent oder rund sechs Milliarden Euro weit unter dem der USA.
Die Europäische Union ändert nun die Prioritäten – allerdings in bescheidenerem Rahmen: Nach dem ursprünglichen Vorschlag der EU-Kommission sollte das Forschungsrahmenprogramm Horizon Europe 2028–2034 mit 175 Milliarden Euro fast doppelt so groß werden wie sein Vorgänger. Bei Redaktionsschluss lag jedoch ein Verhandlungsvorschlag der irischen Ratspräsidentschaft vor, der eine Kürzung um knapp zehn Prozent auf rund 158 Milliarden Euro vorsah.
Stärkung der Sicherheitsforschung gefordert
Unabhängig davon sollen zivile, militärische und sicherheitsrelevante Forschung enger zusammenrücken. Spezifische Verteidigungsforschung bleibt weiterhin eigenständig gefördert; zugleich sollen Technologien mit zivilem und militärischem Potenzialen stärker in die allgemeine Forschungs- und Innovationsförderung einbezogen werden. Auch in Österreich denkt man über mehr Mittel für Forschung im Sicherheitsbereich nach. In einem Interview mit der APA sagte etwa ÖAW-Chef Heinz Faßmann dazu: „Die EU und die Mitgliedstaaten, also auch Österreich, sollten eine Stärkung ihrer Forschung für den Verteidigungs- und Sicherheitsbereich vornehmen, aber ebenso eine davon thematisch unabhängige Forschung“.
Die Österreichische Akademie der Wissenschaften arbeitet seit Jahrzehnten mit dem Verteidigungsministerium zusammen. Eine gemeinsame Kommission fördert anwendungsoffene Grundlagenforschung in Bereichen von beiderseitigem Interesse, etwa Satellitenkommunikation und -navigation, Medizin und Bautechnik; künftig stehen auch Digitalisierung, Weltraum sowie die Auswirkungen neuer Technologien auf das Bedrohungsbild und die Fähigkeiten des Bundesheeres im Fokus – fast durchwegs Dual-Use-Technologien, die sich sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich einsetzen lassen.
Sicherheit und Verteidigung heute präsenter denn je
Für die Joanneum Research Forschungsgesellschaft in Graz sind Sicherheit und Verteidigung heute ebenfalls präsenter denn je, sagt Geschäftsführer Heinz Mayer: „Seit vielen Jahren leisten wir gemeinsam mit unseren langjährigen Kooperationspartnern, dem Verteidigungs- und dem Innenministerium, einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Sicherheit und Verteidigung in Österreich.“ Die Forschungsaktivitäten auf diesem Gebiet führten beispielsweise dazu, dass sich ein internationaler Investor an einem Spin-off beteiligte, das eine bei Joanneum Research entwickelte Aufklärungstechnologie zur Marktreife brachte: „Das neue Unternehmen lagebild.one ist ein Paradebeispiel für kommerzielle Verwertung angewandter Forschung“, sagt Mayer.
Mayer sieht in der geopolitischen Entwicklung einen starken Schub für Innovationen im Verteidigungssektor. „Wir entwickeln hier maßgeschneiderte Lösungen insbesondere in den Bereichen Assistenzsysteme, boden- und luftgestützte Systeme, Cybersecurity, Kommunikations-, Sensor- und Simulationstechnologien, KI-gestützte Methoden der Bildanalyse sowie medizinische Wundversorgung und Vitalmonitoring bei Einsatzkräften.“ Sie können zivil als auch militärisch genutzt werden.
Er betont, dass das Joanneum nicht an der Entwicklung von aktivem Kriegsmaterial beteiligt, sondern vor allem in der Aufklärung tätig ist. Als Beispiel nennt er das vom Europäischen Verteidigungsfonds finanzierte Projekt iMEDCAP, das Systeme zur Erkennung, medizinischen Versorgung und Evakuierung verletzter oder kontaminierter Einsatzkräfte entwickelt. Als langjähriger Partner der ESA sieht sich Joanneum Research als Innovationstreiber ziviler, satellitenbasierter Kommunikations-, Fernerkundungs und Navigationslösungen. „Derzeit findet ein Transfer dieser Technologien in die militärische Fähigkeitsentwicklung statt“, sagt Mayer.
Robuster europäischer Navigations- und Zeitdienst
Österreichs größter Raumfahrtzulieferer, Beyond Gravity Austria, führt im Rahmen von EU- und ESA-Projekten ein Konsortium zur Entwicklung eines Satelliten-Navigationsempfängers an. Es umfasst verschiedenste Maßnahmen zur Erhöhung der Störsicherheit, unter anderem den GALILEO Public Regulated Service (PRS) – die derzeit effektivste, aber auch komplexeste Maßnahme. Dabei arbeitet Beyond Gravity Austria mit Forschungseinrichtungen wie Joanneum Research in Graz und dem Fraunhofer Institut in Nürnberg sowie mit österreichischen und deutschen Unternehmen zusammen.
PRS soll europäischen Behörden und institutionellen Nutzer:innen einen besonders robusten satellitenbasierten Navigations- und Zeitdienst bereitstellen, der auch bei Störungen, etwa durch Jamming (das Blockieren bzw. Überlagern von Funksignalen) oder Spoofing (Ausgabe als vertrauenswürdiger Absender), zuverlässig funktioniert. „Um die Sicherheitskapazitäten Europas zu erhöhen, benötigt die EU sichere, verschlüsselte Navigationssignale für verschiedene Behörden. Mit den zusätzlichen Empfängerfunktionen für den Public Regulated Service leistet Beyond Gravity Austria einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung des unabhängigen europäischen Satellitennavigationssystems Galileo“, erklärt Kurt Kober, Geschäftsführer Beyond Gravity Austria.
Das Unternehmen trägt zudem die technische Systemverantwortung für die Entwicklung von Nutzlasten des Bundesheer-Satellitenprojekts LEO2VLEO. Dabei entstehen gemeinsam mit dem niederländischen Verteidigungsministerium drei Satelliten. Die niederländische ISISPACE Group führt das Industriekonsortium und verantwortet die Satellitenplattformen, österreichische Firmen (ASA, Fantana) und die Technische Universität Graz entwickeln und bauen die Nutzlasten und Instrumente, deren Daten Joanneum Research verarbeitet.
Beyond Gravity Austria ist auf Schlüsseltechnologien für Satelliten spezialisiert, von hochpräziser Navigation über Thermalschutz bis zu Steuermechanismen für elektrische Triebwerke. Satelliten seien eine klassische Dual-Use-Technologie, also sowohl zivil als auch militärisch nutzbar, ist Kober überzeugt: „Das ist wie ein leerer Lkw am Boden. Entscheidend ist die Nutzlast, also die Beladung, etwa mit Kommunikations- oder Navigationslösungen“, sagte Kober gegenüber APA-Science.
Dual Use und die ethischen Fragen
Für Wissenschaftler wirft das Thema Dual Use eine Reihe ethischer Fragen auf. Stephan Michael Weiss ist Universitätsprofessor an der Universität Klagenfurt und Experte für KI-gestützte Robotik und autonome Systeme – jene Technologien, die sowohl nützliche zivile als auch militärische Anwendungen ermöglichen. So entstand an seinem Institut beispielsweise eine Applikation, die im Gewächshaus mit Drohnen reife Paradeiser zählt. Eine andere Lösung hilft, vermisste Personen zu finden. Der Clou dieser Grundlagen-Technologien ist eine Standortbestimmung mit Sensoren und Kamera, die auch ohne GPS funktioniert – und damit auch für militärische Anwendungen geeignet wäre. Ob eine solche Dual-Use-Nutzung wünschenswert sei, ist für Weiss eine schwierige Frage: „Als Wissenschaftler mache ich keine militärische Forschung, nach meinem ethischen Verständnis sollen meine Erkenntnisse der Gesellschaft nicht schaden, sondern nutzen.“ Auf die Frage, ob der Einsatz dieser Technologie etwa Foto: ESA/CNES/J. Georget, Schiebel Defence, Anna Rauchenberger Beyond Gravity im Verteidigungskrieg der Ukraine, in dem Drohnen eine wichtige Rolle spielen, sinnvoll wäre, meint Weiss: „Darauf gibt es keine richtige oder falsche Antwort. Das hängt von der individuellen Situation ab.“ Forschung sei oft eine Gratwanderung, „aber man muss bestrebt sein, nach ethischen Regeln zum Wohle des Menschen zu arbeiten.“
Die Wirtschaft geht mit Dual-Use- Nutzung pragmatischer um. Die Schiebel-Gruppe entwickelt und produziert in Wiener Neustadt seit Jahrzehnten weltweit erfolgreiche unbemannte Flugsysteme. Bisher konzentrierte sich das Unternehmen bei seinen unbemannten Flugsystemen auf Aufklärung und Überwachung. Mit der Gründung der Schiebel Defence GmbH im Vorjahr richtet es sich stärker auf militärische und sicherheitsrelevante Anwendungen aus. „Die veränderte Sicherheitslage in Europa hat die Nachfrage nach modernen Verteidigungstechnologien deutlich erhöht“, sagt Hans Georg Schiebel zu dieser Portfolio-Erweiterung. Noch vor einigen Jahren hätte er diesen Schritt nicht für möglich gehalten, meint er in einem APA-Science- Interview. Auslöser sei ein massiver Sinneswandel in Österreich und Europa gewesen: „Wir sehen jetzt, dass Verteidigung per se nichts Schlechtes ist, sondern unser aller Überleben sichern könnte.“
