Vor allem bei der Anamnese und bei der Therapie kann KI helfen. | © Shutterstock
Nach einem längeren Dialog über die vielfältigen Ursachen von Bauchschmerzen, mehreren Detailfragen und der Lokalisierung der Beschwerden im rechten Unterbauch wird es ernst: „Wenn eines der folgenden Warnzeichen auf dich zutrifft, sollst du zeitnah medizinische Hilfe holen“. Genannt werden daraufhin mehrere Symptome, die auf ernste Komplikationen bei Bauchschmerzen hinweisen. Abschließend folgt die eindringliche Empfehlung, solche konkreten Symptome unbedingt ernst zu nehmen und das nächste Krankenhaus aufzusuchen, die Rettung unter 144 oder das Gesundheitstelefon 1450 zu kontaktieren.
Der Partner bei diesem Test war kein menschlicher Arzt, sondern Copilot, der KI‑Assistent von Microsoft, der auf modernen großen Sprachmodellen basiert. Auch bei drei weiteren einfachen Tests antwortet diese KI sachlich und beruhigend und gleichzeitig verantwortungsbewusst: „Ich kann dir keine Diagnose stellen, aber ich kann dir helfen, die Situation einzuordnen“, erklärt Copilot seine Vorgangsweise. Sein Ziel sei es nicht, Diagnosen zu stellen, sondern medizinisches Wissen verständlich und korrekt zu vermitteln, ohne dabei in gefährliche Vereinfachungen abzurutschen, erläutert der für jeden Microsoft- Kunden verfügbare Copilot.
KI-basierte Medizinexpertisen
Solche KI-basierten Medizinexpertisen sind weltweit gefragt. Laut Microsoft stehen Copilot sowie die kostenfreie Lösung Bing täglich über 50 Millionen Mal im Dialog mit Laien, die medizinische Informationen suchen – von einer Erstanfrage bei Knieschmerzen bis hin zu einer nächtlichen Suche nach einer Notfallklinik reicht die Bandbreite der Anfragen. Neben Copilot und Bing von Microsoft beantworten noch andere Systeme medizinische Fragen. ChatGPT ist die bekannteste frei verfügbare KI, mit Gemini bietet Google auf jedem Smartphone eine kostenlose KI-App.
Mediziner stehen solchen Lösungen mit einer gewissen Zurückhaltung gegenüber. „Das Problem ist, dass falsche Aussagen nicht ausgeschlossen werden können“, meint etwa Alexander Moussa, Leiter des Referats eHealth der Österreichischen Ärztekammer. Er betont, dass solche KI-Lösungen keine Zulassung als Medizinprodukte haben und deshalb eigentlich keinen medizinischen Rat geben dürften. „Medizinprodukte sind auf ihre Verlässlichkeit geprüft, das sind KI-Lösungen bislang noch nicht“, sagt er. Franz Leisch, Mediziner und Informatiker, sieht das ähnlich. „KI macht noch sehr viele Fehler und der Laie kann nicht erkennen, was richtig und was falsch ist.“
KI-gestützter Assistent für Ärzt:innen
Copilot, Bing, ChatGPT oder Gemini sind aber erst der Anfang. US-Technologiekonzerne investieren Milliarden in diesen große Gewinne versprechenden Markt. Für Kliniken und Praxen hat Microsoft beispielsweise vor kurzem Dragon Copilot auf den Markt gebracht. Dieser KI-gestützte Assistent unterstützt Ärzt:innen in allen Phasen – von der Voruntersuchung bis zur Entlassung. Wie eine Assistentin hört die KI die Gespräche mit und dokumentiert sie in Form von strukturierten Notizen. Diese muss die Ärztin oder der Arzt später nur noch überprüfen, freigeben und vervollständigen – fertig sind alle notwendigen Berichte für Krankenakt und Patient:in. Die Tirol Kliniken setzen diese Software in Österreich bereits ein.
Auch für mehrere österreichische Startups sind KI und Medizin ein zentrales Thema. Es gibt bereits etliche innovative KI-Produkte „Made in Austria“. Das steirische Startup arterioscope hat beispielsweise für Biotech- und Pharmaunternehmen einen KI-gestützten Intelligence- Layer für EKG-getriebene Wirkstoffentwicklung entwickelt, der bei klinischen Studien beeindruckende Einsparungen verspricht. Das Unternehmen arbeitet auch an einem Diagnostik Produkt, mit dem sich mithilfe Künstlicher Intelligenz in einem standardmäßigen EKG eine Herzinsuffizienz frühzeitig erkennen lässt. Diese schleichend fortschreitende Erkrankung wird bislang meist spät und unter Einsatz teurer Bluttest und MRTs erkannt – die KI-Lösung arbeitet wesentlich kostengünstiger, frühzeitige Erkennung ermöglicht einfache Behandlung.
Diagnostik-KI und Herzgesundheitsvorsorge
„Unser KI-Modell wurde mit medizinischen Universitäten weltweit trainiert und erreicht mittlerweile eine Trefferquote von weit über 90 Prozent,“ berichtet Hermann Moser, Co- Founder und CEO von arterioscope. Die Diagnostik-KI soll künftig als zertifiziertes Medizinprodukt weltweit niedergelassenen Ärzten angeboten und im Zuge routinemäßiger Herzuntersuchungen eingesetzt werden. Derzeit wird eine Zertifizierung nach der EU Medical Device Regulation (MDR) angestrebt. Geplant ist das Produkt mit Unterstützung von EU-Förderungen wie dem EIC-Accelerator Ende 2027 auf den Markt zu bringen.
Mittlerweile arbeitet das Team von arterioscope an einer Weiterentwicklung dieser Lösung. „Derzeit nutzen wir das Zwölf-Kanal-EKG, aber wir haben auch mit der Ein-Kanal- Technik sehr vielversprechende Ergebnisse erzielt“, berichtet Moser. Diese KI-Lösung aus Graz könnte damit künftig in Smartwatches integriert werden und die Herzgesundheitsvorsorge durch tägliche Checks unterstützen. Auch an der Erkennung anderer Erkrankungen wie etwa Niereninsuffizienz arbeitet das Grazer Team.
Microsoft AI Diagnostic Orchestrator: virtuelles Ärztegremium
Was in Zukunft noch möglich sein kann, zeigt Microsoft in einem seit 2022 laufenden Forschungsvorhaben: Das Projekt Microsoft AI Diagnostic Orchestrator (MAI-DxO) wird vom Konzern stolz als Schritt in Richtung Superintelligenz bezeichnet. Es bildet ein virtuelles Gremium von Ärzten mit verschiedenen diagnostischen Ansätzen nach, die gemeinsam komplexe medizinische Fälle lösen. Die vom Unternehmen veröffentlichten ersten Daten sind beeindruckend: MAI-DxO hat von den im New England Journal of Medicine (NEJM) veröffentlichten Fallstudien 85 Prozent korrekt diagnostiziert – viermal mehr als eine Gruppe erfahrener Ärzte.
Diese Fallstudien des NEJM sind eine Mischung aus Lehrstück, Detektivarbeit und intellektuellem Sparring und damit eine wesentlich größere Herausforderung als Prüfungen nach dem Multiple-Choice-Verfahren. Letztere – so Microsoft – ziehen das Auswendiglernen dem tiefen Verständnis vor. Bei solchen Prüfungen erzielte diese generative KI bereits nahezu perfekte Ergebnisse.
Wie weit solche vielversprechenden Testresultate auch in der Praxis Bestand haben, soll in einer klinischen Studie überprüft werden. Microsoft hält den Ball aber vorerst noch flach. Zwar wird in einem Blog-Beitrag erwähnt, dass MAI-DxO nicht nur treffsicherer als Mediziner:innen Fünftel senken könne, da von KI weniger teure Tests und Verfahren ausgewählt werden – ein wichtiges Kriterium angesichts weltweit rasant steigender Gesundheitskosten. Auf Anfrage über die Zukunft von MAIDxO heißt es bei Microsoft jedoch zurückhaltend: „Wir erforschen, wie diese Technologie in zukünftigen Anwendungen eingesetzt werden könnte, haben aber derzeit nichts weiter zu berichten.“
Europäischer Gesundheitsdatenraum stellt Weichen neu
Mit der Veröffentlichung dieses Projektes zeigt das Unternehmen aber, wie rasant der Zug KI in der Medizin unterwegs ist. In Europa staunen viele Verantwortliche über diese Dynamik – und setzen deshalb vorerst einmal auf strengere Rahmenbedingungen: „Europa ist Innovationsführer bei der Regulierung,“ sagt etwa Franz Leisch. Die EU mache das Richtige, aber nicht richtig, meint er: „Regulierungen sind notwendig, sollten aber nicht von Bürokraten erstellt werden, sie müssten einfacher und praxisnäher sein“, betont Leisch. So sind europäische Hersteller von Medizintechnik aufgrund der strengen Datenschutzregelungen gezwungen, ihre KI-Lösungen mit Daten aus anderen Kontinenten zu trainieren, was aufgrund teilweise deutlich unterschiedlicher Voraussetzung bei Menschen und Gesundheitssystemen als Nachteil gilt.
Die bislang eher auf der Bremse gestandene EU setzt jetzt aber zu einem großen Schritt nach vorne an. Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit wurde in den letzten Jahren eine Verordnung erarbeitet, die die Weichen für die Nutzung von Daten und Künstlicher Intelligenz in der Medizin neu stellt – der European Health Data Space (EHDS) oder Europäische Gesundheitsdatenraum. „Diese Initiative ist wohl die bedeutendste ihrer Art“, betont Leisch. Sie soll einen einheitlichen Rahmen für den Umgang mit elektronischen Gesundheitsdaten schaffen, erläutert er: „Daten werden dann nicht länger in nationalen Silos festgehalten, sondern für Versorgung, Forschung und Gesundheitspolitik in ganz Europa verfügbar gemacht werden und KI spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle.“ Der Arzt und Informatiker hilft als Berater Organisationen und Unternehmen, sich auf die neue Verordnung vorzubereiten, die ab 2029 in jedem EU-Land umgesetzt werden muss.
Anspruch auf Verfügbarkeit von Gesundheitsdaten
Die Verfügbarkeit wichtiger Gesundheitsdaten wird durch diese Verordnung zu einem Patientenrecht. Künftig haben alle Europäer:innen Anspruch darauf, dass auf Wunsch alle persönlichen Gesundheitsdaten verfügbar gemacht werden. Eine noch zu gründende nationale Behörde wird für die Einhaltung dieser Patientenrechte sorgen. Ein weiterer entscheidender Fortschritt, den diese Verordnung bringen wird, ist ein „Health Data Access Body“, erklärt Leisch. Über diesen von den einzelnen Regierungen einzurichtender Zugang sollen europäische Forschungseinrichtungen alle Gesundheitsdaten zentral bei jeweils einer nationalen Stelle anfordern und sicher analysieren können. Derzeit sind diese Informationen bei verschiedenen Institutionen gespeichert, länderübergreifende Abfragen sind kaum möglich.
Auch die Ärztekammer steht dem positiv gegenüber: „Das EU-Projekt hat das Ziel, die Europäer gesundheitlich bestmöglich zu versorgen und es wird auch neue Chancen für die Forschung bieten“, sagt Moussa. Als Interessensvertreter betont er aber, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen im Interesse der öffentlichen Hand liege und nicht von den Ärzten finanziert werden kann. „Digitalisierung und Künstliche Intelligenz haben großes Potential“, sagt er. Vor allem bei der Anamnese und bei der Therapie könne KI helfen, mehr Menschen gut zu betreuen und die angespannte Situation in der Grundversorgung zu entschärfen. Auch Tools bis zur Applikation für das Smartphone sieht Moussa als großes Thema für die Zukunft: „In Abstimmung mit dem Arzt können diese Tools künftig zur Verbesserung der Patientenbetreuung beitragen.“
Eine Grundvoraussetzung für die Nutzung von KI im medizinischen Bereich sei optimaler Datenschutz, meinen die Experten übereinstimmend. Das heißt nicht nur transparente Algorithmen und Sicherheit gegenüber allen Angriffen, sondern möglichst auch die Nutzung europäischer Systeme und Clouds – damit US-Behörden auf keinen Fall mitlesen können.
