Forschung

„Es geht um die Entwicklung unserer Zukunft“

Reinhart Kögerler: „Vergessen wir nicht, dass viele Top-Konzerne aus dem Silicon Valley ursprünglich mit finanzieller Unterstützung des Staates gegründet wurden. Selbst in den USA ist die Gründerszene nicht so autonom, wie das immer wieder gerne dargestellt wird.“

Univ.Prof. Dr. Reinhart Kögerler, Präsident der Christian Doppler Forschungsgesellschaft plädiert für eine stärkere Bewertung von gesellschaftspolitischen Fragestellungen in der Technologie- und Forschungspolitik.

Bei Ihrer Festrede anlässlich des 20. Geburtstags der Christian Doppler Forschungsgesellschaft vor einem Jahr haben Sie gemeint, dass die Erfolgsstory unvollendet sei, weil wir noch gar nicht wissen, welche Anforderungen die Zukunft für uns bringt. Dennoch gibt es Meta-Themen, denen wir uns zu stellen haben. Was sind für Sie die großen Herausforderungen für Österreich?

Das Industrieland Österreich muss vor allem darauf achten, dass wir unsere hochtechnisierte Basis erhalten und idealerweise auch ausbauen. Dienstleistungen allein sind für eine Volkswirtschaft zu wenig, zumal man ja auch Partner wie Industriebetriebe benötigt, für die man Dienstleistungen erbringen kann. Wir sollten die Produktion nicht anderen Ländern überlassen. Und wir müssen die Chancen, die wir haben, besser nützen. Das wird uns nur gelingen, wenn wir Dinge weiterentwickeln, die nicht oder bisher zu wenig umgesetzt wurden. Das hat auch durchaus europäische Dimensionen. Ich denke da an die Digitalisierung: Da geht es um weit mehr als die Fragen von Datensicherheit, aber natürlich auch darum. Die NSA-Diskussion zeigt ja nur, dass Europa letztlich nicht in der Lage ist, Google oder Facebook Paroli zu bieten. Hier herrscht Nachholbedarf. Fast alle unsere guten jungen Statistiker etwa gehen in die USA, wir haben einen echten brain drain zu verzeichnen. Und vergessen wir auch nicht, dass viele Top-Konzerne aus dem Silicon Valley ursprünglich mit finanzieller Unterstützung des Staates gegründet wurden. Selbst in den USA ist die Gründerszene nicht so autonom, wie das immer wieder gerne dargestellt wird.

Waswäre dazu ein passender Lösungsansatz?

Wir müssen unsere intellektuelle Basis stärken, und das in vielen Bereichen. Und vor allem haben wir einen wachsenden Bedarf an F&E auch zu gesellschaftlichen Fragenstellungen. Ökologie, Wasser, Energie – die so genannte Daseinsvorsorge – sind Themen, in denen wir die Notwendigkeit einer neuen Ethik erleben. Wir müssen heute anders handeln, als das vor 50 Jahren der Fall war. Es geht um die Entwicklung unserer Zukunft, und darum, dass auch unsere Kinder eine lebenswerte Zukunft haben sollen. Es braucht also eine stärkere Bewertung von gesellschaftspolitischen Fragestellungen in der Technologie- und Forschungspolitik. Die Christian Doppler Forschungsgesellschaft hat sich schon früher gelegentlich mit solchen Fragen auseinandergesetzt, aber seit einiger Zeit sehen wir immer mehr Anträge zu Fragestellungen aus diesem Bereich. Es müssen nicht immer typische Industriefirmen sein, die solche Themen treiben, sondern können beispielsweise auch Unternehmen aus der Versicherungsbranche oder Institutionen aus dem Sozial- und Gesundheitswesen sein, wenn man so will, „atypische“ Unternehmen. Wir unterhalten heute etwa ein CD-Labor für Alterung, Gesundheit und Arbeitsmarkt. Versicherungen wie die Oberösterreichische Versicherung Aktiengesellschaft, aber auch voestalpine Stahl GmbH sind hier die Partner.

Das klingt nach einer Erweiterung der Aufgaben für die Christian Doppler Forschungsgesellschaft...

Ja, es ist eine Erweiterung unseres Tätigkeitsfelds, aber auch eine Erweiterung des Spektrums unserer Firmenpartner. Noch ist es eher schwierig, Unternehmen zu finden, die Forschung zu solchen gesellschaftspolitischen Fragestellungen mitfinanzieren. Gerade Versicherungen sind noch stark auf das Präsens ausgerichtet. Aber Fragen zur Sterblichkeit oder zur Entwicklung von Krankheiten bzw. krankheitsbedingten Berufsausfällen sowie alternsgerechtes Arbeiten haben großen Einfluss auf die Planungen solcher Unternehmen.

Nun ist Österreich – und ganz Europa – geprägt von der schöpferischen Kraft der Klein- und Mittelbetriebe. Wo sehen Sie Ansätze, wie man das Potenzial der KMU stärken könnte?

Wir haben in vielen Gegenden in Österreich und auch in einigen sozialen Schichten keine unternehmerische Initiative mehr. Dafür gibt es immer mehr Menschen, die täglich 70 oder mehr Kilometer zur Arbeitsstätte in Ballungszentren einpendeln – und die Regionen verlieren Arbeitskräftepotenziale. Ich habe selbst von einem Tischlermeister im Weinviertel gehört, dass dieser einfach keinen Nachfolger fand. Ein gutes Geschäft, etabliert, gute Mitarbeiter – und keiner wollte es übernehmen. Jetzt ist der Betrieb wegen Pensionierung geschlossen, und die Arbeitsplätze sind auch weg. Das ist eine teilweise unnötige Entwicklung, die wir hier sehen. Wir müssen hier gegensteuern, und das meinte ich zuvor auch mit einer intellektuellen Stärkung unseres Mindsets. Alle vom bmwfw und anderen Marktteilnehmern initiierten Startup-Aktivitäten sind wichtig, wir dürfen aber auch die Unternehmen nicht vergessen, die zur Übergabe anstehen. Das sind allein in den nächsten Jahren 10.000 Betriebe laut Wirtschaftskammer – ein großes Potenzial! Daher sollten wir danach trachten, wichtige Institutionen wie die aws zu stärken und mehr Förderungen für Unternehmen zu schaffen, die aus der reinen Gründungsphase schon draußen sind – also in Phasen der Expansion oder auch Übergabe sind. Hier ist noch einiges zu tun.

Und was kann die CDG in diesem Szenario beitragen?

Die Christian Doppler Forschungsgesellschaft hat den Vorteil, als Verein organisiert zu sein. Dadurch können wir im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten mehr Risiko eingehen, indem wir etwa jungen, noch weniger ausgewiesenen ForscherInnen oder Startups als Unternehmenspartnern Chancen geben. Derzeit werden zwei von drei Anträgen genehmigt. Nicht immer geht alles gut, aber nur ganz wenige CD-Labors müssen vorzeitig geschlossen werden. Eine sehr gute Bilanz, die zeigt, wie wichtig unser Wirken ist. 145 Unternehmen aus dem In- und Ausland engagierten sich im Jahr 2015 in 73 CD-Labors und 7 JR-Zentren. Rund ein Viertel der Unternehmen sind KMU. Ich sehe aber durchaus auch noch eine Aufgabe darin, unsere Leistungen einer breiteren Öffentlichkeit bemerkbar zu machen. Zu viele, vor allem kleine und mittlere Unternehmen, kennen uns noch nicht. Daher hatten wir eine Idee: Junge Forschende soll sich selbst aktiv um Unternehmen als Partner für ihre Projekte bemühen – und wir unterstützen sie dabei.

Sie haben vor einem Jahr dazu ein neues Programm aufgelegt, das sich Partnership in Research (PiR) nennt. Die ersten sechs Projekte starten nun. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?

Wir sehen es als unsere bleibende Aufgabe, weitere Unternehmen zum Einstieg in die anwendungsorientierte Grundlagenforschung zu ermutigen. Dazu dient unser Sonderprogramm „Partnership in Research“, dessen Ziel es ist, durch geförderte Projekte neue Partnerschaften von Wissenschaft und Wirtschaft zu initiieren, die in weiterer Folge zu CD-Labors bzw. JR-Zentren oder anderen Formen der Kooperation führen können. In gewisser Weise wollen wir damit den Boden optimal aufbereiten, um stets neues Wachstum in Wissenschaft und Wirtschaft zu ermöglichen. Dass die CDG mit PiR einen Nerv der Zeit getroffen hat, zeigt sich in der vielfachen Überzeichnung des Programms: Insgesamt wurden 43 Projekte mit einer beantragten Gesamtsumme von 9,4 Millionen Euro eingereicht. Das Kuratorium der CDG entschied sich in seiner Septembersitzung, die ersten sechs Projekte zu fördern. Dies wurde durch die Aufstockung der Mittel durch die CDG sowie die Unterstützung eines der herausragenden Projekte durch das Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft (BMWFW) möglich. Die Fördersumme für alle geförderten Projekte liegt damit bei rund 1,3 Mio. Euro. Wir hoffen zugleich, dass wir noch weitere Finanzmittel akquirieren können, um noch mehr solcher Projekte zu fördern.

Danke für das Gespräch! 

 

Sechs Projekte starten im neuen Programm PiR

1. Mathematik im Dienste der Medizin
Eine der großen Herausforderungen in der medizinischen Bildgebung ist nach wie vor die Fehleranfälligkeit der Aufnahmen, wenn sich Patientinnen und Patienten bewegen. Auch andere Körper-Dynamik abzubilden, wie zum Beispiel den Blutfluss im Herz, ist derzeit nur eingeschränkt möglich. An der Schnittstelle von mathematischer und medizintechnischer Forschung arbeitet daher Kristian Bredies, Karl-Franzens-Universität Graz,  im Projekt „Mathematische Methoden für bewegungsangepasste medizinische Bildgebung“.

2. Die Nano-Mozartkugeln 
Im Projekt „Katalyse an bimetallischen Nanopartikeln“ kommt ein neues Verfahren zum Einsatz, um kleinste, aus Metallatomen zusammengesetzte Cluster zu erzeugen. Diese haben eine genau vorgegebene Schalenstruktur, die an den Aufbau der Mozartkugeln erinnert. Als zentrale Zutat dieses Clusteraufbaus wird Kupfer verwendet. Sind die Tests erfolgreich, könnte diese Methode künftig den Einsatz von seltenen Erden reduzieren oder sogar komplett ersetzen. Dieses Projekt von Andreas HAUSER, Technische Universität Graz wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft gefördert.

3. Molekularer Fingerabdruck 
Hochempfindliche Gas-Sensoren ermöglichen es, gesuchte Moleküle ganz gezielt zu messen und damit deren "molekularen Fingerabdruck" zu erfassen. Die Sensoren basieren auf der Verwendung von Quantenkaskadenlasern (QCL). Bernhard LENDL, Technische Universität Wien verfolgt mit dem Projekt „Hochempfindliches mid-IR Gassensorsystem“ das Ziel, die Leistung dieser Laser zu verbessern. In der Anwendung lassen sich mit dieser Technologie zahlreiche Messaufgaben durchführen, etwa in der biomedizinischen Diagnostik, in der Umweltanalytik oder in der industriellen Prozesskontrolle.

4. Organforschung in 3D
Der Weg von erfolgreichen Experimenten mit Zellkulturen bis zur Umsetzung an Patientinnen und Patienten ist lang, viele Rückschläge inklusive. Um medizinische Forschungsergebnisse auf den Menschen übertragen zu können, will Dagmar PFEIFFER, Medizinische Universität Graz im Projekt „Flexibilität in der Organforschung“ auf dem Weg dorthin Hürden überwinden, indem im Labor nicht nur mit einzelnen Zelltypen gearbeitet wird, sondern ganzes Gewebe oder ganze Organe in 3D-Modellen abgebildet und untersucht werden.

5. Neue Kunststoffe – große Leistung
Hochleistungskunststoffe (High-performance Polymers, HPPs) haben zwei wesentliche Vorteile: Sie sind leicht und extrem stabil. Heute werden sie bereits in Alltagsgegenständen wie Mobiltelefonen, Autos oder Computern eingesetzt. Ihr Nachteil ist jedoch die aufwendige Herstellung unter Einsatz von viel Energie und Chemikalien. Eine neue Methode, angelehnt an die Kristallisation von Mineralien, ermöglicht eine enorme Vereinfachung der Produktion. Im Projekt „Polyimidpartikel-verstärkte Hochleistungscomposite“ von Miriam UNTERLASS, Technische Universität Wien werden mit diesem Verfahren neue Kunststoffverbindungen zur Verwendung in der Luftfahrt und Elektronik erzeugt. 

6. Neue Ansätze in der Krebstherapie
Tumorzellen können die Zahl der Chromosomen und damit die Erbinformation in der Zelle krankhaft verändern. Eine Folge dieser "genomischen Instabilität" ist häufig die sogenannte Aneuploidy. Dabei entstehen Zellen, deren Erbinformation nicht mehr der von gesunden entspricht. Das ist ein charakteristisches Merkmal vieler Tumore und meist mit einer schlechten Prognose verbunden. Andreas VILLUNGER, Medizinische Universität Innsbruck will mit dem Projekt „Identifikation von PIDDosom-Aktivatoren für die Krebstherapie“ zu einem besseren Verständnis dieser Zellaktivitäten beitragen. 


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