Bildung

Interview

„Hinter den Kulissen tut sich eine Menge“

Foto: I. Seeber, Universität Innsbruck
Ulrich Remus: „Wir haben die Chance, didaktisch wieder stärker das eigentliche Lernen der Studierenden in den Vordergrund zu stellen und weniger das ´verschulte´ Konsumieren von vorgefertigten Inhalten.“
Foto: I. Seeber, Universität Innsbruck

Univ.-Prof. Ulrich Remus vom Institut für Wirtschaftsinformatik, Produktionswirtschaft und Logistik an der Universität Innsbruck, zu möglichen Folgen der Corona-Krise.

Die derzeitige Situation ist eine Herausforderung nicht nur für Arbeitnehmer und Unternehmen, sondern natürlich auch für den Hochschulbetrieb. Wo stehen die österreichischen Unis Ihrer Erfahrung nach im internationalen Vergleich in der Digitalisierung?

Soweit ich das beurteilen kann, stehen die österreichischen Unis bzgl. Digitalisierung recht gut da. An vielen Unis laufen bereits breite Digitalisierungsinitiativen an. Das sieht man auch daran, dass spezifische Vizerektorate für diese Initiativen eingerichtet wurden – z. B. an der Uni Wien oder der Uni Salzburg. In Innsbruck gibt es seit neuestem das DISC, eine Einrichtung, welche 15 Nachwuchsprofessuren bündelt, die sich quer über alle Fachrichtungen mit dem Thema Digitalisierung beschäftigen. Das was momentan die Medien beherrscht, nämlich die Digitalisierung von Lehre und Unterricht ist aber nur ein Teil. Andere wichtige Aspekte, wie z. B. der freie Austausch von Forschungsdaten (Open Science Cloud), Nutzung von Big Data und KI, der Einsatz von Hochleistungsrechnern und natürlich die Digitalisierung der Hochschulverwaltung und viele weitere Themen sind deshalb nicht weniger wichtig. Da tut sich hinter den Kulissen in unseren Hochschulen eine Menge.

Denken Sie, dass durch die Corona-Herausforderungen nun ein „Push“ zur weiteren Digitalisierung der Unis erfolgen könnte?

Ja, definitiv. Der Impuls geht nun zwar von der Digitalisierung von Lehre und Unterricht aus, ist aber auch die Chance, in anderen Digitalisierungsbereich Fahrt aufzunehmen. In welche Richtung ist noch ergebnisoffen. Was ich mir sicher nicht wünsche ist eine weitere Zunahme digitaler Kontrolle und Überwachung, welche über die Hintertür „Corona“ eingeführt werden kann. Technologisch ist da vieles möglich, die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft aber Stand heute nur schwer abschätzbar.

Wie weit ist die Uni Innsbruck selbst in der digitalen Bereitstellung und Umsetzung von Lehr- und Lerninhalten? Welche speziellen Maßnahmen haben Sie im Rahmen der Corona-Krise getroffen?

Die digitale Bereitstellung und Umsetzung von Lehr- und Lerninhalten wurde zumindest in unserem Fachbereich immer mitgedacht. In der jetzigen Situation liegt der Fokus auf einfacher und schneller Umsetzung – das vorhandene E-Learning System wurde insbesondere um interaktive und multimediale Elemente ergänzt. Die Integration von Adobe Connect unterstützt uns z. B. bei der direkten Online-Kommunikation mit den Studierenden. Wir verwenden auch Tools zum Aufzeichnen von Präsentationen. Dies alles erfordert natürlich mehr Zeit und Aufwand. Für ein 30min-Video rechnen wir mit ca. 5-6 Arbeitsstunden zum Erstellen des Storyboards, Einsprechen etc. Dieser Aufwand rechnet sich aber, wenn wir es mit neuen didaktischen Konzepten kombinieren, z. B. Flipped Classroom. Daher sehe ich das auch als Chance, didaktisch wieder stärker das eigentliche Lernen der Studierenden in den Vordergrund zu stellen und weniger das „verschulte“ Konsumieren von vorgefertigten Inhalten. Wichtig ist es, die Selbstorganisation der Studierenden noch besser zu fördern, eine der Schlüsselkompetenzen im digitalen Zeitalter. Nicht alles muss mundfertig konsumierbar sein, sondern sollte ja gerade kritisch hinterfragt und erarbeitet werden, damit es den nachhaltigen Lernprozess unterstützt.


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