01/2024 News mittlere Spalte
© Fotocredit: Shutterstock / Pol Sole
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Kreislaufwirtschaft: Sorgenkind Kunststoff

Die Kunststoffindustrie als klimaneutrale Kreislaufwirtschaft? Ambitioniert, aber machbar, so beurteilen Expert:innen die „Plastic Transition Roadmap“ der europäischen Kunststoffindustrie. Umwelt-NGO sehen noch Verbesserungsmöglichkeiten.

von: Norbert Regitnig-Tillian

9.100 Millionen Tonnen. Das ist die Menge an Kunststoff, die weltweit seit der Nachkriegszeit produziert worden ist. Als dünne Klarsichtfolie könnte man mit dieser Menge den gesamten Planeten Erde nicht nur einmal, sondern gleich zweimal einwickeln. Das Problem dabei: Von der gesamten Produktion ist nur noch ein kleiner Teil im Einsatz, denn Kunststoff wird kaum recycelt. Laut OECD-Bericht „Plastic Outlook“ aus dem Jahr 2022 liegt die Quote weltweit bei sechs Prozent. Der Rest wandert zum kleineren Teil zur thermischen Wiederverwertung in Müllverbrennungsanlagen. Der überwiegende Rest landet abseits der EU auf Deponien oder wird illegal entsorgt. Aufgefunden werden die Reste in Flüssen, an Stränden und in den Ozeanen, wo sich mittlerweile riesige Plastikinseln gebil- det haben.

Ende für „Single use“

Der OECD-Bericht fasst diese Situation recht trocken zusammen: „Der gegenwärtige Kunststoff-Lebens- zyklus ist noch weit entfernt von einer Kreislaufwirtschaft.“ Derzeit werden weltweit jährlich 400 Millionen Tonnen Kunststoff produziert. Bis zu 40 Prozent davon für Verpackungen (Zahl für Europa) oder andere mehr oder weniger linear zum Wegwerfen produzierte Einweg-Becher, Wattestäbchen, Fashion-Ware und Kurzgebrauchsgegenstände. Die Unhaltbarkeit linearer Produktionsweisen scheint sich mittlerweile langsam, aber doch durchzusetzen. Unter verschiedenen Überschriften wird in vielen Ländern der Welt, darunter Japan, Kanada, aber auch in China und den USA, die Einführung zirkulärer Wirtschaftsmodelle für die Kunststoffindustrie diskutiert. Führend will dabei die Europäische Union werden, in der „Kreislaufwirtschaft“ bereits Teil des Green Deals geworden ist.

Klimaneutrale Kunststoff- Kreislauf-Wirtschaft

Nach mehrjährigen Vorarbeiten hat nun auch „Plastic Europe“, die Interessenvertretung der europäischen Kunststoffindustrie, ihre Roadmap für eine klimaneutrale Kunststoff- Kreislauf-Wirtschaft präsentiert. Das Versprechen dabei: Plastik soll ökologisch, nachhaltig und klimaneutral produziert und wiederverwertet werden. Ist das möglich? Fast. „Das Vorhaben ist ambitioniert, aber machbar“, meint Christian Paulik, Leiter des Instituts für Chemische Technologie Organischer Stoffe an der JKU Linz. Paulik sieht Chancen und Risken: „Technologisch gibt es noch viel Luft nach oben. Aber da sind alle Player gefordert und Zusammenarbeit ist auf vielen Ebenen notwendig.“

„Leihen statt kaufen“ zur Reduktion von Kunststoff

Angesprochen und für gut befunden werden in der Plastik-Roadmap jedenfalls so gut wie alle Themen, die eine Kreislaufwirtschaft unterstützen: Hohe Recyclingraten, verbesserte Sortieranlagen, Einführung neuer Pfand- und Mehrwegsysteme, das Schließen von Abflüssen im Stoffkreislauf und natürlich die Defossilisierung der gesamten Kunststoff-Wertschöpfungskette. Angedacht sind in der neuen Roadmap auch Reizthemen. Betont wird etwa die Entwicklung neuer zirkulärer Geschäftsmodelle, die das Prinzip „Leihen statt kaufen“ unterstützen, wie etwa „car-sharing“. Das würde auch die Automobilindustrie in die Pflicht nehmen, weniger Autos zu produzieren.

Umdenken in der Abfallwirtschaft

Um den Plastikkreislauf zu schließen, sei auch ein Umdenken in der Abfallwirtschaft vonnöten. So ruft die Kunststoffindustrie die europäische Politik auf, nicht nur die Deponierung, sondern auch die „thermische Verwertung“ von Kunststoffen europaweit zumindest erheblich zu verteuern. In Zukunft sollen Müllverbrennungsanlagne daher ins Europäische Emissionshandelssystem eingebunden werden. Für das „Heizen mit Plastik“ müssten dann CO2- Zertifikate gekauft werden. Künftig soll rezyklierter Kunststoff nämlich ein heiß begehrtes, stark nachge- fragtes Gut werden. Viel zu kostbar, um es zu verfeuern. Die präsentierte Kreislaufidee der Kunststoffindustrie hat aber für so manchen noch einige Schönheitsfehler: Laut Roadmap könnte die produzierte Kunststoffmenge in Europa bis 2050 zwar um elf Prozent unter das heutige Niveau gesenkt werden (sie beträgt derzeit mit 90 Millionen Tonnen rund ein Fünftel der Weltproduktion). 2050 soll zudem der Anteil von Kunststoffen, die weiterhin aus fossilem Rohstoff, sprich Erdöl, erzeugt werden, nur noch 22 Millionen Tonnen ausmachen. Das sind aber noch immer 35 Prozent der Gesamtmenge.

Kunststoffverpackungen

Weiterhin Kunststoffe aus Erdöl? Die Kritik an der Roadmap der europäischen Kunststoffproduzenten folgte umgehend: Mengenreduktion und Recyclingquote – sie soll in Zu- kunft bei 42 Prozent liegen – könnten von der Industrie noch deutlich höher angesetzt werden, kritisiert etwa Deutschlands größte Umwelt-NGO Bund die Plastik-Vision der Industrie. Denn immerhin betrage der Produktionsanteil für die Kunststoffverpackungen in Europa mittlerweile die beachtliche Menge von 40 Prozent.

Dem Verpackungsargument kann auch Recyclingexperte Paulik einiges abgewinnen. Der Chemiker arbeitete 15 Jahre beim Kunststoffhersteller Borealis, betrieb Grundlagenforschung für das „Centre for Environmental and Sustainable Technology“ (CEST) und forscht im COMET-Zentrum „Chemical Sys- tems Engineering“ (CASE) intensiv an effizienzsteigernden Methoden der Kunststoffproduktion. „Viele Plastikverpackungen sind nicht not- wendig und man könnte ersatzlos auf sie verzichten.“

Ohne Verzicht geht es nicht

Dass Erdöl als Rohstoff für die Kunststoffproduktion aber generell vermieden werden könnte, hält Paulik indes für unplausibel: „Das würde ohne Verzicht nicht gehen.“ Denn trotz optimalen Recycelns, einschließlich Projekten, die Plastikmüll chemisch wieder zu Kohlenwasserstoffmolekülen aufbrechen, würden die erzielten Rezyklatmengen die benötigte Gesamtmenge nicht abdecken können. Das hänge zum einen damit zusammen, dass in Zukunft viel mehr Kunststoff in Langzeitanwendungen, wie u. a. dem Bauwesen, verschwinden werden. Damit stehen diese Mengen nicht mehr fürs Recyceln zur Verfügung. Zudem können Verluste beim Bearbeiten und Rezyklieren des Kunststoffs nicht auf null gesenkt werden. In einigen Bereichen, z. B. bei Medizinprodukten, seien Kunststoffe auch schwer bis gar nicht aus Rezyklat zu ersetzen: „Da gibt es strenge Qualitätsstandards,“ sagt Paulik. Limitiert sei auch die Produktion von Plastik aus alternativen Quellen, beispielsweise aus Biomasse. Im bestehenden „Food-Fuel“-Konflikt gilt die Devise: Biomasse aus Abfallströmen ja, aus Ackerflächen nein. Maisanbau als Biomasse-Quelle für die Plastikproduktion scheide daher mehr oder weniger aus. Als alternative Plastikrohstoffquelle bliebe dann noch Kohlenwasserstoff aus Rauchgas oder direkt aus der Atmosphäre selbst („Carbon Capture Utilization“). Diese beiden Quellen werden in der Roadmap auch mit einem Anteil von 23 Prozent budgetiert, was bereits eine Verzehn- bis Verhundertfachung des derzeitigen Produktionsanteils ausmache. Dafür sei aber noch viel Innovationsarbeit vonnöten und höhere Anteile aus heutiger Sicht fraglich – argumentiert zumindest die Industrie.

Ihr Kompromissvorschlag

Kunststoff aus Erdöl sei nur dann ein Problem, wenn bei der Herstellung CO2 in die Atmosphäre entweichen würde. Die Produktionsanlagen, unter denen sich auch die sogenannten „Cracker“ befinden – riesige Maschinen, in denen Erdöl bei hohen Temperaturen zu Kunststoffen verarbeitet werden –, könnten auch klimaneutral betrieben werden, wenn die Prozesswärme etwa über Wärmepumpen aus erneuerbaren Stromquellen stammt. Wenn das gelingt, ließe sich theoretisch der CO2-Ausstoß pro produzierter Tonne Kunststoff von derzeit 1,2 Tonnen CO2- Äquivalenten auf eine Netto-Nullreduzieren.

Der klimaneutrale Kunststoff habe allerdings auch seinen Preis. Der Kostenpunkt für die Dekarbonisierung der Kunststoffproduktion belaufe sich auf zusätzliche 235 Milliarden Euro, rechnet die Kunststoffindustrie in ihrer Roadmap vor. Dafür brauche man Innovationssicherheiten, heißt es. Oder anders formuliert: Das zähe Feilschen um öffentliche Förderungen hat begonnen.

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