Forschung Wirtschaft

Mehr Mut zum Risiko

Bild: Kurt Pinter
Dr. Constanze Stockhammer, stv. Geschäftsführerin des Rats für Forschung und Technologieentwicklung
Bild: Kurt Pinter

Nicht nur die Forschenden sollen innovativer werden, sondern auch die Forschungsförderer, meint Dr. Constanze Stockhammer, stv. Geschäftsführerin des Rats für Forschung und Technologieentwicklung.

Es ist ein Dilemma. Auf der einen Seite soll unser Steuergeld möglichst sinnvoll und damit effektiv eingesetzt werden, auf der anderen Seite geht es auch um die Kosten, die im Sinne der Effizienz des Mitteleinsatzes möglichst gering gehalten werden sollen. Dieser Spannungsbogen zieht sich durch alle Bereiche, die mit öffentlichen Geldern zu tun haben, auch für den Bereich der öffentlichen Förderungen. Hier kommt aber eine weitere Dimension dazu, die Förderlegitimation. Sie stellt salopp formuliert die Erlaubnis her, dass der Staat steuernd in die Mechanismen der freien Marktwirtschaft eingreift. Förderungen kommen zudem in der Regel nicht der Allgemeinheit zugute, sondern einer ausgewählten Zielgruppe, die noch dazu im Wettbewerb zueinander steht, was die Aufmerksamkeit der von der Förderung ausgeschlossenen Gruppierungen erhöht.

All das führt dazu, dass gerade der Förderbereich durch einen besonderen Konservatismus gekennzeichnet ist. Man will sich hier nichts zu Schulden kommen zu lassen und beugt mit zunehmendem Formalismus, Bürokratie und erhöhten Anforderungen vor. Diese Dinge sind natürlich erforderlich, um Missbrauch und Verschwendung vorzubeugen, aber in manchen Bereich ist doch eine ausbalanciertere Handhabung erforderlich.

Warum braucht es Risiko in der Forschungsförderung?

Kommt man auf den sehr spezifischen Bereich der Forschungs-, Technologie- und Innovations- (FTI-)Förderung zu sprechen, so ist es oft dieser Konservatismus der dem eigentlichen Förderziel, nämlich mehr Innovation, entgegensteht. Denn innovatives Handeln heißt Risiko nehmen.

Und dieses Risiko von Forschungs- und Innovationsaktivitäten ist eines der zentralen Argumente für die staatliche Intervention in Form von FTI-Förderung. In diesem Zusammenhang gilt es abzuwägen, dass ein geringeres Risiko die Notwendigkeit einer FTI-Förderung in Frage stellt, ein zu hohes Risiko (d.h. eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Mehrzahl der geförderten Vorhaben scheitert) wiederum zur Folge hat, dass ein Großteil der Förderungsmittel wirkungslos vergeben wird.

Das österreichische Fördersystem zeichnet sich im europäischen Vergleich durch eine besonders risikoaverse Einstellung aus. Vorzeigeländer sind wie so oft im skandinavischen Raum zu finden. So weist die finnische TEKES (Finnish Funding Agency for Technology and Innovation) eine Ausfallsquote von etwa 30% ihrer geförderten Projekte aus. Bei der FFG waren es 2014 gerade einmal 9%. Es handelt sich dabei aber nicht um ein institutionelles Problem sondern um den Ausfluss einer Geisteshaltung, wie sie in Österreich besonders stark vertreten ist: das Prinzip der Risikovermeidung. Während in Finnland argumentiert wird, dass die hohe Zahl an gescheiterten Vorhaben ein Signal für das hier von der öffentlichen Hand übernommene Risikos ist – Risiko als zentrale Voraussetzung von Innovation – ist man in Österreich stolz darauf, dass aus allen geförderten Projekten „auch etwas geworden ist“. Damit geht man allerdings nach dem Grundsatz „Quantität vor Qualität“. Denn dass diese „erfolgreichen“ Projekte auch tatsächlich bahnbrechende Innovationen beinhalten, bleibt anzuzweifeln. Vielmehr handelt es sich um Innovationen in kleinen Schritten, sogenannte inkrementelle Innovationen. Während auch diese ihre Berechtigung für eine wettbewerbsfähige Volkswirtschaft haben, indem sie die Marktführerschaft in bestehenden Bereichen ausbauen, helfen sie allein natürlich nicht, wenn es darum geht neue Nischen und Märkte zu erschließen und zukunftsfähig zu bleiben. Hierfür braucht es sogenannte radikale oder disruptive Innovationen.

Arbeitsgruppen für mehr Mut zum Risiko

Im Rahmen eines fast einjährigen Arbeitsgruppenprozesses hat sich der Rat für Forschung und Technologieentwicklung daher gemeinsam mit dem BMWFW und den Förderagenturen (FWF, FFG und aws) mit der Frage auseinandergesetzt, wie man im österreichischen FTI-Fördersystem mehr Risiko und damit mehr Freiräume für wirklich bahnbrechende, d.h. disruptive oder radikale Innovationen schaffen kann. Parallel zu diesem Prozess wurde bei Technopolis eine begleitende Studie beauftragt, die sich mit internationalen Best Practices und ihre Eignung für Österreich auseinandersetzt. Sie soll noch im Oktober erscheinen.

Im Zuge der Arbeitsgruppen und Recherchen zeigte sich, dass Österreich im Bereich der Grundlagenforschungsförderung bereits über eine Reihe etablierter Instrumente zur Förderung exzellenter, risikoreicher Forschungsvorhaben verfügt. Allen voran der Wittgenstein-Preis bis hin zum Innovationsfonds für Forschung, Wissenschaft und Gesellschaft der ÖAW. Allein eine private Initiative in Form und Umfang der Freigeist-Fellowships der Volkswagenstiftung in Deutschland fehlt bislang.

Im Bereich der Förderung der anwendungsorientierten Forschung bzw. von Innovationen, stößt man auf eine deutliche Lücke, wenn es um die Förderung wirklich neuer, disruptiver Lösungen geht, deren Nutzen zu Beginn eines Förderansuchens oft noch gar nicht bekannt bzw. dokumentierbar ist.

Förderung von Invention statt Innovation

Das österreichische Forschungsfördersystem fördert schwerpunktmäßig und bewusst Innovationen. Das heißt, das Gewicht liegt auf dem Nachweis der Umsetzbarkeit am Markt. Was fehlt, ist die Förderung von Inventionen – der erfinderischen Idee ohne konkrete Marktausrichtung. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die die konkrete Anwendung einer Invention, also der Nutzen, meist ein anderer war, als vom Erfinder ursprünglich intendiert. Hätte man die Anwendung der Erfindung vorab auf einen bestimmten Bereich festgelegt, so hätte das den Innovationsspielraum stark beschnitten und vermutlich nie zu den dadurch ermöglichten radikalen Innovationen geführt.

Gerade in den Anfängen einer zukünftigen Innovation braucht es Spielräume für die treibenden Köpfe dahinter. Sie müssen Experimentieren können, verwerfen, neu anfangen und wieder verwerfen, neue Kombinationen durchspielen und Anwendungsszenarien durchdenken, ohne immer eine konkreten Erfolgsnachweis für jede Prozessphase erbringen zu müssen. Viele kreative Köpfe sind oft auch nicht in der Lage, ihre Ideen in den engen Kategorien eines Förderantrages schriftlich vermitteln zu können. Ihre Stärke liegt in der Präsentation, in der verbalen Dokumentation, eine Möglichkeit die im österreichischen Fördersystem (noch) nicht vorgesehen ist.

Wenn aber der wirtschaftliche Nutzen von Innovationsprojekten kein sinnvolles Auswahlkriterium ist, wie kann man dann gute Ideen von schlechten unterscheiden?

Schaut man ins internationale Umfeld, so findet man eine Reihe von interessanten Ansätzen, die hier Anregungen bieten. Zu nennen wären hier zum einen die Pitch to Peer-Workshops der britischen Fördereinrichtung ESRC (Economic and Social Research Council), in denen die Bewerber ihre Vorhaben in zehn Minuten mündlich darstellen müssen. Im Publikum sind nicht nur Gutachter sondern auch Mitbewerber. Oder die Sandpits des britischen EPSRC (Engineering and Physical Sciences Research Council).  In diesen mehrtägigen interaktiven Workshops werden neben aktiven Forschern auch Nutzer, Experten-Mentoren und einige unabhängige Stakeholder zusammengeführt. Diese Zusammensetzung soll Querdenken und radikale Zugänge fördern. Oder auch die Idea Labs des Norway Research Councils, wo keine ausgearbeiteten Anträge eingereicht werden sondern initiale Ideen, die dann gemeinsam von den Teilnehmern in einem mehrtätigen Workshop bearbeitet werden.

Ein Experimentierraum für österreichische Erfindungen

Was es in der Innovationsförderung in Österreich braucht, sind Experimentierräume frei von jedem Anwendungsbezug und jeder wirtschaftlichen Absicht, allein der erfinderischen Neugier und Kreativität geschuldet. Im optimalen Fall erfolgt das ohne schriftliche Anträge und bei maximaler Flexibilität der Evaluierung, ohne dabei Missbrauch und Trittbrettfahrern Tür und Tor zu öffnen. Es geht dabei in der Regel auch nicht um große Summen sondern um frei disponierbares Experimentiergeld für Inventionen ohne konkrete Marktausrichtung. Ein schwieriger Spagat, aber zu schaffen und auf jeden Fall notwendig, um nicht potentiell vielversprechende Erfindungen zu verhindern, nur weil deren Nutzen im Moment noch nicht ersichtlich ist. Denn gerade diese sind es, die uns von den Innovation Followern in eine Frontrunner-Position bringen können.


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