Forschung

Ongi Etorri!

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Unter Strom: Im Baskenland wird auch an der Mobilität der Zukunft geforscht.
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Daimler investierte in den letzten Jahren rund 190 Mio. Euro in das Transporterwerk Vitoria.
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Das Baskenland heißt österreichische Forschende Willkommen – und bietet ein Reihe von Chancen, zeigte die diesjährige ACR-Studienreise.

von: Anja Kossik

Die Austrian Cooperative Research (ACR) setzt auf länderübergreifenden Erfahrungsaustausch. Die diesjährige Studienreise führte rund 30 österreichische Forschende nach Spanien. Vernetzung und Kooperation mit anderen anwendungsorientierten F&E Instituten ist Teil der ACR Internationalisierungsstrategie.

Um den Mitgliedern eine Plattform für das Knüpfen internationaler Kontakte mit anderen anwendungsorientierten europäischen Institutionen zu geben, veranstaltet die ACR bereits seit 6 Jahren alljährlich eine Studienreise in ein anderes EU Land. Dort wird den österreichischen Forschern die Möglichkeit geboten, mit ähnlich orientierten Unternehmen in Kontakt zu treten und Kooperationsmöglichkeiten auszuloten. Diesmal war das Baskenland an der Reihe.

Provinz mit viel Potenzial

Während das Baskenland auf den ersten Blick nicht unbedingt als logische Destination erscheint, bietet die spanische Provinz auf den zweiten Blick einige interessante und unerwartete Aha-Erlebnisse. Wirtschaftlicher Schwerpunkt der Region waren immer schon Stahlerzeugung und -verarbeitung und Schifffahrt. Doch in den 1970er und 80er Jahren ging das Baskenland durch eine strukturelle und gesellschaftspolitische Krise: Massenarbeitslosigkeit, Umweltsünden, ETA-Terror und nicht zuletzt die Zerstörungen durch eine schwere Überschwemmung im Jahr 1983 machten eine radikale Neuausrichtung notwendig. Das Land musste sich neu erfinden, um in einer sich verändernden globalen Wirtschaft wieder zu internationaler Konkurrenzfähigkeit zurückzukehren und seinen Bürgern eine bessere Lebensqualität zu bieten. 

Äußeres Zeichen und Symbol dieser Erneuerung wurde das Guggenheim Museum von Architekt Frank Gehry in Bilbao. Durch städtebauliche Maßnahmen und nach Sanierung der belasteten Böden wurde die Industrie aus dem Stadtzentrum in die Peripherie verlagert. An ihrer Stelle entstand nicht nur neuer Lebensraum für die Bevölkerung, sondern auch die weltbekannte Ikone moderner Kunst. In direkter Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Ökonomen und Managementtheoretiker Michael Porter, Professor an der Harvard Business School, wurde die grundlegende wirtschaftliche Struktur der Region ebenfalls hinterfragt und im Laufe der 1990er Jahre in einem mehrjährigen strategischen Prozess auf die Zukunftstrends Advanced Manufacturing, Energiewirtschaft und Biomedizin in Form von Technologieclustern völlig neu ausgerichtet. Michael Porter gilt weltweit als der Experte für die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit von Ländern und Regionen durch die Bildung von Clustern, in denen sich Unternehmen einer Branche über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg zur Nutzung von Synergien zu privaten non-profit Organisationen zusammenschließen. Diese neuen Strukturen sollten vor allem die kleinen und mittelgroßen Unternehmen stärken, die im Baskenland genauso wie im übrigen Europa den Löwenanteil der Wirtschaftsleistung ausmachen und die unter der vorangegangenen Krise besonders gelitten hatten.

Smart spezialisieren

Die Weitsicht der politischen Entscheidungsträger und die konsequente Umsetzung einer „smarten“ Spezialisierungsstrategie (Smart Specialization Strategy, RIS3) machten sich bezahlt: Heute zählt das Baskenland auch im internationalen Vergleich zu einer der schlagkräftigsten Industrieregionen Europas. Die Industrieproduktion, vor allem aktiv in den Bereichen Automotive, Luftfahrt, Metallbearbeitung und Maschinenbau, nimmt knapp 24% des baskischen BIP ein. Die Arbeitslosenquote ist im Vergleich zum restlichen Spanien (22%) verhältnismäßig gering: Nur 12% der rund 2,2 Mio. Einwohner in den drei Provinzen haben keinen Job. Die baskische Regierung unterstützt vor allem die Entwicklung neuer und moderner Fertigungs- und Verarbeitungstechniken. Der aktuelle Technologie- und Investitionsplan 2020 lockt mit Investitionen von mehr als 11 Mrd. Euro. So hat sich die autonome Region bei den Forschungsausgaben über den EU-weiten Durchschnitt gesetzt: 2,09% des BIP wandern in den F&E Bereich. Zum Vergleich: Ganz Spanien investiert nur 1,24%, die EU-Investitionen liegen bei durchschnittlich 2,04%.

Forschungsverbände als Partner

Während eine öffentliche und vier private baskische Universitäten vor allem im Bereich der Lehre und Grundlangenforschung tätig sind, findet angewandte Forschung vor allem in außeruniversitären Einrichtungen statt. Der Besuch von zwei großen baskischen Forschungsverbänden stand daher auch im Zentrum der ACR Studienreise. IK4 ist eine Allianz aus 9 souveränen und privatwirtschaftlich geführten Forschungszentren, die eine gemeinsame Strategie verfolgen. Die Ausrichtung der Mitglieder liegt explizit in der industriellen Anwendung der Forschungsergebnisse, mit dem erklärten Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit der kooperierenden Firmen zu steigern. 2015 wurden so Projekte mit mehr als 870 Partnerunternehmen durchgeführt und ein gemeinsamer Umsatz von über 111 Mio. Euro eingefahren. Schwerpunktbereiche der IK4 Auftragsforschung sind Materialien und Prozesse, Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Mechatronik, die zusammen zwei Drittel der Projekte ausmachten.

Das Auto als treibende Kraft

Spanien ist mit einer Produktion von mehr als 2,4 Mio. Fahrzeugen jährlich der zweitgrößte europäische Automobillieferant nach Deutschland. Die Automotive-Industrie ist nicht nur eine treibende Kraft der gesamten spanischen Wirtschaft, vor allem das Baskenland trägt zu einem großen Teil dieser Entwicklung bei. 100.000 Fahrzeuge (Daimler Vitoria) und 50% der spanischen Automobilkomponenten werden in der Region gefertigt. So wundert es auch nicht, dass in einem der großen Industrieparks Nahe Bilbao das Forschungszentrum eines der ältesten Automobilcluster Europas zu finden ist: Das Automotive Intelligence Center (AIC) bietet seit seiner Gründung 2009 auf einer Fläche von 37.000 m² den rund 300 Firmen des baskischen Automobilsektors Raum für ihre F&E bzw. Ausbildungsaktivitäten. Hier werden Stakeholder aus den Bereichen Industrie, Finanz und Technologie miteinander vernetzt. Die 20 Projektmanager des AIC betreuen Forschungskooperationen an denen rund 750 Experten der angeschlossenen Unternehmen beteiligt sind. Dabei ist einer der großen Vorteile der Region, dass auf lokales Know-how über die gesamte automobile Versorgungskette hinweg zugegriffen werden kann: Im baskischen Mikrokosmos findet sich auf engstem Raum alles – von der Stahlindustrie, über den Formenbau, die Materialbearbeitung, die IT bis hin zu den universitären oder dualen Ausbildungseinrichtungen, die entsprechendes Fachpersonal zur Verfügung stellen.

Von der Technologie zum BIP

Ein weiterer Besuch der österreichischen Delegation galt der Tecnalia Corporation, der führenden privaten F&E&I Einrichtung Spaniens. Der Technologiekonzern entstand aus einer strategischen Allianz von drei großen Forschungszentren. Die Tecnalia Research and Innovation, eines dieser drei Standbeine, hat über 1.400 Mitarbeiter aus 30 Nationen und betreibt Auftragsforschung für mehr als 4.000 internationale Kunden. Das Unternehmen verfügt weltweit über 21 Niederlassungen und Büros, in denen das mittlerweile umfangreiche strategische Wissen auch in Form von Technologieberatung weitergegeben wird. Das Motto „Wir verwandeln Technologie in Bruttoinlandsprodukt!“ dieser auch auf EU-Ebene überaus erfolgreichen Forschungsplattform zeigt deutlich, wie wichtig hier eine direkt in wirtschaftlichen Erfolg umsetzbare Ausrichtung aller Aktivitäten genommen wird. So gesehen ist es auch schlüssig, dass sich die wichtigsten Forschungsinteressen nicht nur auf die Schwerpunktthemen der baskischen RIS3 Initiative, sondern generell auf große Herausforderungen der Zukunft konzentrieren: Leben in städtischen Ballungsräumen, Gesundheit und Alter, Klimawandel und Ressourcenmangel, digitale Vernetzung, erneuerbare Energie und fortschrittliche Fertigungstechnologien. Das Unternehmen ist auch federführend in EU-Projekte in den Bereichen Smart Cities und Industrie 4.0 eingebunden.

Internationale Partnerschaften forcieren

Welche Erkenntnisse nehmen sich die österreichischen Forscher der ACR nun von dieser intensiven Reise, die von Michael Spalek und Monika Wall vom AußenwirtschaftsCenter Madrid professionell unterstützt wurde, mit? Martin Leitl, Präsident der Austrian Cooperative Research: „Ein wesentlicher Teil unserer neuen F&E&I Strategie ist die Internationalisierung. Wir versuchen in einer Brückenfunktion den Technologietransfer von den Universitäten und Fachhochschulen, aber auch von der Großindustrie zu den österreichischen KMU zu unterstützen. Es geht uns aber auch um die Übertragung von internationalem Wissen auf die österreichische Forschungsszene und die Wirtschaft.“ Die Studienreisen sind dabei wesentlicher Bestandteil der internationalen ACR-Aktivitäten.

„Wir schätzen den Erfahrungsaustausch und die neuen Eindrücke und Ideen, und wir konnten jedes Mal von unseren Auslandsaufenthalten etwas in der Praxis Verwertbares mitnehmen. Einige unserer Institute sind bereits jetzt in EU-weite Forschungsprojekte von Horizon 2020 eingebunden“, sagt Leitl. Er findet es für sehr wichtig, dass in Europa nicht mehrere Stellen unabhängig voneinander im gleichen Bereich forschen, sondern dass hier ganz bewusst Synergien genutzt und Ressourcen gebündelt werden, um gemeinsam davon zu profitieren. „Da gibt es noch ein großes Potenzial“, ist Leitl überzeugt.

So hätte beispielsweise das Österreichische Gießerei Institut (ÖGI) von der Studienreise aus Schweden konkrete Kooperationen mit Volvo und Scania im Bereich Aluminiumdruckguss mitgenommen, von denen letztendlich auch die KMU der österreichischen Automotive-Industrie profitieren würden. Von der Reise aus Dänemark im vergangenen Jahr, sei die Delegation mit der Idee des sogenannten Innovationsagenten zurückgekommen und auch dieses Jahr wurden bereits im Vorfeld Kontakte mit Tecnalia geknüpft. Die Tatsache, dass die dänischen Innovationsagenten vom Staat dafür bezahlt werden, vor allem in KMU nach technologischen Innovationen zu screenen und die Unternehmen bei deren Umsetzung zu unterstützen, bringt Leitl auf die aktuelle Reise und das Thema Förderungen zu sprechen: „Die wirtschaftsnahe und anwendungsorientierte Forschung im Baskenland ist uns eindrucksvoll gezeigt worden. Natürlich braucht es auch universitäre Basisforschung, aber wenn der wirtschaftliche Druck groß ist und die Problemstellungen konkret, dann entwickeln sich in einem derartigen innovativen Umfeld aus dem vorhandenen wissenschaftlichen Know-how Lösungen, die relativ rasch in die Anwendung übergehen können. So konnte in einer kleinen Region wie dem Baskenland in relativ kurzer Zeit sehr viel bewegt werden.“

Aus einem Katastrophenszenario ist in wenigen Jahren eine prosperierende Wirtschaft entstanden, die auch internationale Investoren anlockt. „Daraus können wir etwas lernen“, betont Leitl. Institutionen, die mit der ACR von der Größe her durchaus vergleichbar sind, spielen – was die Förderungen anbelangt – in einer ganz anderen Liga. „17% staatliche Förderung bei IK4 beispielsweise, natürlich geknüpft an Kennzahlen, das sind bei der ACR im Vergleich nur 4% von unserem Umsatz. Da wird in anderen Ländern die außeruniversitäre Forschung einfach mehr unterstützt“, sieht Leitl in Österreich noch Optimierungspotenzial. 

Gemeinsam stärker werden

ACR Geschäftsführer Johann Jäger meinte zusammenfassend: „Unsere Studienreisen sollen die Partnerinstitute dabei unterstützen, von größeren Forschungsinstitutionen wie beispielsweise Tecnalia bei internationalen EU-Projekten als Partner mit ins Boot geholt zu werden. Hier haben Institute mit mehr als tausend Mitarbeitern natürlich ganz andere Möglichkeiten und auch finanziellen Rückhalt. Schließlich müssen bei Horizon 2020 Projekten rund 30% der Kosten von den Forschungseinrichtungen selbst getragen werden. Die Restfinanzierung derartiger Projekte müssen die Institute aus ihrer laufenden Geschäftstätigkeit, also dem Testen und Prüfen, selbst tragen – und das stellt bei kleineren Einrichtungen gerne ein Problem dar.“ 


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