Forschung

Open Innovation - Der Wissenschaft Flügel verleihen

Claudia Lingner: „In unserem "Lab for Open Innovation in Science" haben 20 ausgewählte WissenschaftlerInnen erstmals die Gelegenheit, in einem Safe Space zu experimentieren, zu reflektieren und zu lernen.“ - (Fotocredit: LBG/Andi Bruckner)

Claudia Lingner, Geschäftsführerin der Ludwig Boltzmann Gesellschaft, über die enormen Chancen von Open Innovation in Science.

von: Claudia Lingner

Mehr, bessere und schnellere Lösungen für die großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit erhalten wir durch neue Erkenntnisse in der Forschung und zielgerechtete Innovationen. Wie gelangen wir aber zu neuen, bahnbrechenden Erkenntnissen? Wie stoßen wir relevante Innovation an? Open Innovation und Open Science haben das Potenzial, auch das Wissenschaftssystem für neue Akteure zu öffnen und das breit verteilte Lösungswissen einer vernetzten Welt zu nutzen, neu zu kombinieren und Ergebnisse international zu verwerten. Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft hat eine für Europa bahnbrechende Initiative zu Open Innovation in Science gestartet.

Im Lab for Open Innovation in Science (LOIS) erlernen seit Anfang Mai dieses Jahres WissenschaftlerInnen Open Innovation Methoden wie Crowd Sourcing oder die sogenannte Lead-User-Methode. Bei diesem speziellen Ausbildungsprogramm vermitteln international renommierte ExpertInnen, wie man Open Innovation und Open Science entlang des gesamten Forschungsprozesses gezielt einsetzt. 20 TeilnehmerInnen aus sieben Nationen wurden von einer Fachjury für LOIS ausgewählt.

Crowdsourcing - das Wissen vieler als Anstoß für neue Forschungsaktivitäten

Bei unserer online Offensive "Reden Sie mit!" wurden 2015 rund 20.000 Menschen in 83 Ländern mit der Frage erreicht, was die Wissenschaft erforschen müsse, um psychische Erkrankungen besser zu verstehen und zu behandeln. Innerhalb von elf Wochen wurden 400 qualitativ hochwertige Beiträge eingereicht, die in der Analyse rund 700 relevante Textstellen ergaben. Das Entscheidende: Hier saßen nicht allein PsychologInnen oder PsychiaterInnen am Computer. Betroffene, Angehörige, ÄrztInnen oder Pflegende meldeten sich zu Wort. Möglich war dieser Prozess nicht zuletzt durch wertvolle Multiplikatoren aus dem BMWFW sowie aus Fachverbänden und Interessensgruppen im In- und Ausland.

Im zweiten Schritt stimmte die aktivierte Community über die ihrer Meinung nach vorrangigsten Forschungsbereiche mittels Online-Voting ab. Im Anschluss an das Community-Voting erfolgte die Beurteilung der Forschungsbereiche durch eine internationale Fachjury. Aufgabe der interdisziplinären Jury war es, den Neuigkeitsgrad der Fragen und Themen sowie deren Relevanz für Forschung und Gesellschaft zu beurteilen.

Der nächste Schritt ist nun eine rasche Überführung der Ergebnisse in konkrete Forschungsaktivitäten, die darauf ausgerichtet sind, eine Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu schlagen und Fragestellungen interdisziplinär und unter Anwendung von Open-Innovation-Methoden und Open-Science-Prinzipien zu bearbeiten.

Der Schritt nach draußen

Es klingt so verlockend einfach: Intelligente Kommunikationstechnologien vernetzen Menschen in Echtzeit. Diese Tatsache macht Wissenstransfer sofort und grenzenlos möglich. Und doch zeigt sich: Je höher der Spezialisierungsgrad, desto geringer die Bereitschaft, sich anderen Disziplinen zu öffnen. Bei der Auftakt-Veranstaltung zum Lab for Open Innovation in Science am 14. April 2016 in Wien wurde dieses Phänomen aus der Perspektive verschiedener Wissenschaftsdisziplinen beleuchtet und diskutiert.

Prof. Helga Nowotny, Vorsitzende des ERA Council Austria und Mitglied des Rats für Forschung und Technologieentwicklung, nannte die Beteiligung der "Amateure" an Innovationsprozessen aus der Anfangszeit der modernen Wissenschaft als eine frühe Form von Open Innovation. Heute sei offene Innovation in der Wissenschaft mehr als eine clevere Abkürzung zwecks Kommerzialisierung von Forschungsergebnissen. Sie könne neue Öffentlichkeiten schaffen und eine neue Art der Teilhabe an Wissensproduktion und Wissensprodukten ermöglichen.

In ihrem Impulsvortrag sprach Prof. Eva Guinan, Radioonkologin an der Harvard Medical School und Innovationsexpertin, von ihren Erfahrungen mit dieser Art der Wissensgewinnung durch Open Innovation. Die Harvard University, Weltspitze in Wissenschaft und Forschung, ist eine Universität mit 40.000 Menschen. Sie aus ihren gewohnten Bahnen auf eine völlig neue Innovations-Schiene zu bringen, beschrieb Guinan als vielschichtiges Unterfangen. Während Teile des wissenschaftlichen Personals begeistert waren, fiel anderen der Schritt nach draußen schwer. Die Vorstellung, nach jahrzehntelanger Auseinandersetzung mit einem Bereich Wissen zu einem öffentlichen, vernetzbaren Gut zu machen, machte vor allem hoch spezialisierten MedizinerInnen zu schaffen. Dabei bringt die Zusammenarbeit etwa mit GenetikerInnen, ÖkonomInnen, JuristInnen vor allem aber mit Betroffenen und deren Angehörigen oftmals eine völlig neue Sicht auf die Krankheit - und birgt damit Potenzial für neue Lösungsansätze.

Begeisterung und Interesse für ein Fach teilen und andere neugierig machen

Kommunikation ist ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg der aufsehenerregenden Forschungsarbeiten von Prof. Wolfgang Neubauer. Der Archäologe und Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie ist aktuell Wissenschaftler des Jahres und Teilnehmer am Lab for Open Innovation in Science. Auf dem Feld bei der Arbeit seien sein Team und er immer sichtbar, erzählte er anlässlich des Auftakts zu LOIS. Gute Kommunikation sei schon allein deshalb wichtig, weil man die Einwilligung aller (oft hunderter) Grundstückseigentümer einholen müsse, bevor man dort mit Multi-Antennen-Bodenradarsystem und Co. auftaucht. Neubauer setzt neben klassischen auch auf soziale Medien. YouTube etwa habe geholfen, die Inhalte und Ziele seiner Arbeit darzustellen. So gibt es etwa ein Video zu den Entdeckungen rund um Stonehenge auf dem Portal - eine halbe Million Klicks innerhalb von drei Tagen hat Neubauer gezeigt, wie riesig das Interesse der Menschen am Thema ist.

Außergewöhnlich denken!

Interdisziplinarität und Offenheit befeuern den Innovationsmotor der Wissenschaft. Am Beispiel der Archäologie kann man sehen, dass die konventionellen Techniken nicht mehr ausreichen, um etwa den Zerstörungen durch den Klimawandel entgegenzuwirken, Partner aus verschiedenen Disziplinen einzubinden sei hier entscheidend. Neubauer selbst studierte neben Archäologie auch Informatik und Mathematik - was ihn immer wieder in Erklärungsnotstand brachte. So konnte zu Beginn seiner Karriere ein Projekt für einen Archäologen als Gutachter als zu technisch gelten, ein Informatiker konnte es ablehnen, weil es nicht Basisforschung der Informatik betrieb. Neubauers Forschungserfolge zeigen jedoch, dass sich gerade für jene, die sich der größeren Perspektive widmen, letztlich auch größere Erfolge einstellen.

Das Open Innovation in Science-Projekt der Ludwig Boltzmann Gesellschaft rückt Österreich in den Fokus der vielgeforderten Innovationen.

Info

Weitere Informationen zur Open Innovation in Science Initiative der Ludwig Boltzmann Gesellschaft:


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