Alle Fotos: © Alfred Bankhamer
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Testmärkte für die Energiewende

Finnland und Österreich haben eines gemein: Sie werden als kleine Staaten gerne als Testmärkte für Innovationen eingesetzt. Besonders im Bereich smarter Netze, Speicher, Gebäude und neuer Geschäftsmodelle wird im hohen Norden intensiv geforscht.

von: Alfred Bankhamer

Smarte Infrastruktur ist gerade in Zeiten der Energiewende, geopolitischen Bedrohungen und der Suche nach mehr Effizienz und Kosteneinsparungen das Thema. Für die Entwicklung neuer Technologien und Geschäftsmodelle werden hierbei gerne kleinere Staaten von Technologiekonzernen als Testmärkte genutzt. Für weltweites Aufsehen sorgten in Österreich etwa die Forschungsprojekte im neuen, smarten Stadtentwicklungsgebiet Wien Aspern im Rahmen der ASCR (Aspern Smart City Research). Viel in Sachen smarter Infrastruktur hat aber auch Finnland zu bieten. Siemens präsentierte bei einer Pressereise einige spannende Projekte.

Stabile Netze

Finnland hat aktuell einige Herausforderungen zu stemmen. So wurden etwa vor gut einem Jahr die Stromexporte durch den kriegerischen Nachbarn Russland spontan beendet. Sie waren für rund zehn Prozent der Stromversorgung Finnlands verantwortlich. Umso wichtiger ist es für Fingrid, dem finnischen Netzbetreiber, die Netze optimal steuern zu können und mittels neuer Technologien in Kooperation mit großen Energieverbrauchern für die nötige Netzstabilität zu sorgen. Finnland will zudem bis 2035 klimaneutral werden. „Der Markt in Finnland ist sehr agil, sehr fortgeschritten und bereit, neueste Systeme zu testen“, erklärt Harald Schnur, Head of Siemens Smart Infrastructure Finland and Baltics. In diesem kleinen Markt ist wie in Österreich Kooperation bei Entwicklungen sehr wichtig. Nicht jeder muss das Rad neu erfinden.

So wurden mit Sello, ein großes Shoppingcenter mit rund 170 Shops, Konzerthalle, Bücherei, Kinos und Co. in Espoo im Nordwesten von Helsinki, im Rahmen einer 20-jährigen Zusammenarbeit neue Technologie- und Geschäftsmodelle entwickelt, die nun weltweit verbreitet werden sollen.

Europas nachhaltigstes Einkaufzentrum

Jährlich kommen rund 21 Millionen Besucher*innen in das im Jahr 2010 als erstes mit einer LEED-EB Gold-Zertifizierung ausgezeichnete Shoppingcenter Europas. 2015 folgte das LEED-EB Platinium-Zertifikat und die Auszeichnung als Europas bestes Energy Service Project. Die Position als grünstes Shoppingcenter Europas soll mittels laufend optimierter Energiesysteme, Speichersysteme und etwa dem Ausbau der PV-Anlagen erhalten werden. Zugleich wird aktiv am Elektrizitätsmarkt teilgenommen. Das Einkaufszentrum gilt zudem als eines der „smartesten“ Gebäude Europas mit einem Smart Readiness Index von 92 Punkten.

Gerade im Gebäudebereich, deren Betrieb für rund 40 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs verantwortlich ist, gibt es noch oft große Einsparungspotenziale. Bei Sello ermöglichen mehr als 1.500 HVAC- und Energiedatenpunkte, zahlreiche Luftqualitäts- und Temperatursensoren sowie Auslastungs- und Wetterdaten genaue Lastprognosen und höchste Effizienz..

Alles vereint

Alle Systeme der Gebäudetechnik, des Energiemanagements und der Netzanbindung spielen optimal zusammen. Die Energie- und Gebäudelösung ist schon seit 2010 cloudbasiert, Dashboards mit Grafiken bieten einen raschen Überblick über alle Systeme und ein virtuelles Kraftwerk integriert Sello zudem in die finnischen Energiemärkte. Seit 2019 hat das rund 2,4 Millionen Euro gebracht.

Netzstabilisierung

Als Großverbraucher trägt Sello dank gezielter Laststeuerung und Energieeinspeisung zugleich zur Stabilisierung des finnischen Stromnetzes bei. So können vom Leistungsbedarf von sechs Megawatt rund 3,5 Megawatt flexibel aus eigenen Quellen zumindest kurzfristig gedeckt werden. „Sello ist eines der nachhaltigsten und intelligentesten Gebäude in Europa“, freut sich die Sello-Chefin Marjo Kankaanranta, die trotz höchster Effizienz viel Wert auf ein hochwertiges Besuchererlebnis, geringe Emissionen und Betriebskosten legt. Als nächstes will Sello weiter expandieren und ihre Gebäude als Digitalen Zwilling darstellen, um noch mehr verborgene Einsparungspotenziale nutzen zu können.

Digitale Transformation

Die Beschleunigung der digitalen Transformation erfolgt dabei mit der neuen Plattform Siemens Xcelerator & Building X, die ähnlich wie die Plattform für die Industrie ist und nun auch im Bereich Gebäude- und Energietechnik Offenheit verspricht, wozu eine Partnerlandschaft, ein Marktplatz mit Lösungen von zahlreichen Anbietern und einiges mehr beitragen. „Datenbasierte Lösungen, die zentral oder regional mit den Kunden entwickelt werden, gab es ja schon“, so Siemens-Manager Schnur, „der neue Ansatz mit dem Accelerator ist, all dies zu beschleunigen. Wenn jeder alles alleine entwickelt, dauert es lange.“

Die Plattform bietet auch konkrete Lösungen. „Wir entwickeln ja täglich mit den Kunden. Und die Lösungen, die wir beispielsweise mit dem Kunden Sello gemacht haben, gehen dann in eine globale Lösung ein. Das ist die Power dahinter“, betont Schnur. Mit wertbasierten, genau an den Kundenbedarf angepassten Produkten und Preisen sollen nun rasch Kunden gewonnen werden. „Unsere Herausforderung ist nun, Lösungen einerseits so flexibel wie möglich zu gestalten und so einfach, dass sie der Kunde auch versteht“, spricht Schnur aus Erfahrung. Und es muss, besonders in eher konservativen Bereichen wie der Infrastruktur auch einige Überzeugungsarbeit geleistet werden.

Deshalb wird der Weg der kleinen Schritte eingeschlagen, damit der Kunde besser jeden Fortschritt nachvollziehen bzw. falls erforderlich die Strategie änderen kann. Den wirklichen Einstieg in die smarte Welt kann aber erst erfolgen, wenn von den erneuerten Energieanlagen und dem Gebäude ausreichend Daten zur Verfügung stehen. Dann können Modelle entwickelt werden, um die Systeme zu vereinen und zu automatisieren. Die Entwicklung intelligenter Modelle kostet aber einiges, weshalb es Sinn macht, allgemeine Modelle für Branchen und bestimmte Bereiche zu entwickeln.

Batterien für Netzstabilität

Besucht wurde auch die traditionsreiche Brauerei Sinebrychoff, die pro Jahr 300 Millionen Liter Bier, Cider und Softdrinks produziert. Im Zentrum stehen hier ein virtuelles Kraftwerk, Batterien und ein einzigartiges Geschäftsmodell, das mit Siemens entwickelt wurde. Neben neuester Software- und Energiespeichertechnologie ging es auch um eine Finanzierungslösungen und ein Modell, das sowohl der Brauerei als auch Fingrid Vorteile bringt. Anstatt wie ursprünglich geplant die Batterien zur Spitzenabdeckung zu nutzen, stehen die 20 MWh Speicherkapazität nun Fingrid zur Netzstabilisierung zur Verfügung. Die Brauerei bekam dafür den dringend benötigten 110 kV-Anschluss und spart sich damit große Summen Stromkosten und Gebühren.

Dinge ausprobieren

Innovative Projekte gibt es einige in Finnland. So hat Siemens mit Lempäälän Energia ein Microgrid-Control-System entwickelt, um ein Mikronetz für ein wichtiges Geschäftsviertel zu bauen. Das Ergebnis ist eine autarke Energiegemeinschaft, die mittels erneuerbarer Energien und Automatisierung die Nutzung des effizientesten Energiemixes ermöglicht und so auch ihren Gewinn maximiert.

Mit Fingrid wird aktuell an einem digitalen Zwilling des gesamten finnischen Netzes gearbeitet. Für Thomas Kissling, CTO von Sie- mens Smart Infrastructure, die weltweit rund 70.000 Mitarbeiter*innen beschäftigt, ist Finnland der perfekte Ort, um „neue Dinge“ ausprobieren zu können, um sie dann global auszurollen. Davon profitieren wieder alle.

Lesen Sie den ungekürzten Artikel ab Seite 38 der aktuellen Ausgabe 3-23 oder am KioskAustria!


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