Die Europäische Union könnte ihre Fördermittel für grünen Wasserstoff deutlich wirksamer einsetzen. | © Unsplash/Salvus
Die Europäische Union könnte ihre Fördermittel für grünen Wasserstoff deutlich wirksamer einsetzen. Laut einer neuen Studie der Wirtschaftsuniversität Wien (WU), die im Fachjournal „Nature Energy“ veröffentlicht wurde, ließe sich die Kosteneffizienz der Wasserstoffförderung durch veränderte Vergabekriterien um 13 bis 15 Prozent steigern. Entscheidend wäre, neben den Produktionskosten auch das Potenzial eines Standorts zu berücksichtigen, zusätzliche Nachfrage in umliegenden Industriebetrieben auszulösen.
Bislang orientiert sich die Förderung über die Europäische Wasserstoffbank vor allem daran, welche Projekte mit möglichst geringen Zuschüssen pro produziertem Kilogramm Wasserstoff auskommen. Ob diese Projekte auch den Aufbau einer regionalen Wasserstoffwirtschaft fördern, wird bei der Bewertung nicht ausdrücklich berücksichtigt.
Die Forschenden der WU sehen darin einen Ansatzpunkt, um den Markthochlauf von grünem Wasserstoff zu beschleunigen. Denn ohne ausreichende Nachfrage und entsprechende Infrastruktur könnten zusätzliche Produktionskapazitäten wirtschaftlich nur schwer ausgelastet werden.
Wasserstoffnachfrage als Förderkriterium
Für ihre Untersuchung analysierten die Forschenden mehr als 14100 potenzielle Wasserstoffanwender in Europa. Auf dieser Grundlage modellierten sie die Nachfrageentwicklung zwischen 2024 und 2100 unter unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Im Mittelpunkt standen sogenannte Spillover-Effekte. Gemeint ist damit, dass der Einsatz von Wasserstoff an einem Industriestandort die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann, dass auch benachbarte Betriebe auf die Technologie umsteigen. Gründe dafür sind unter anderem gemeinsam nutzbare Infrastruktur, spezialisierte Lieferketten und der Austausch von technischem Wissen.
„Eine funktionierende Wasserstoffwirtschaft setzt jedoch voraus, dass sich Angebot, Infrastruktur und Nachfrage gemeinsam entwickeln“, erklärt Christian Rumpelnik, Erstautor der Studie und Forscher am Institute for Data, Energy, and Sustainability (IDEaS) der WU Wien.
Daraus ergibt sich eine andere Perspektive auf die Vergabe öffentlicher Fördermittel: Ein Projekt mit etwas höheren Förderkosten könnte wirtschaftlich sinnvoller sein, wenn es zusätzliche Investitionen und Wasserstoffanwendungen in seiner Umgebung anstößt.
Fünf Industrieregionen mit hohem Potenzial
Besonders ausgeprägt sind diese möglichen Multiplikatoreffekte laut Studie in fünf europäischen Industrieregionen. Mehr als die Hälfte der Standorte mit dem höchsten Spillover-Potenzial befindet sich in Düsseldorf, Köln und Rheinhessen-Pfalz in Deutschland sowie in Antwerpen und Ostflandern in Belgien.
Diese Regionen verfügen über eine hohe Konzentration energieintensiver Unternehmen, insbesondere aus der Chemie-, Eisen- und Stahlindustrie. Hinzu kommen bedeutende Schifffahrtsaktivitäten.
Gerade in diesen Wirtschaftsbereichen gilt die Dekarbonisierung als schwierig, weil kostengünstige Alternativen zu fossilen Energieträgern teilweise fehlen. Eine koordinierte Wasserstoffversorgung könnte daher mehreren Unternehmen gleichzeitig den Umstieg erleichtern.
„Unsere Studie zeigt, in welchen Industrieregionen Europas wir durch gezielte Unterstützung eine deutlich breitere Nutzung von grünem Wasserstoff erreichen und die Dekarbonisierung beschleunigen könnten“, sagt Behnam Zakeri, WU-Forscher und stellvertretender Leiter von IDEaS.
Bis zu 41 Prozent höhere Kosteneffizienz im Modell
Die Berechnungen zeigen, dass bereits moderate Änderungen der Förderkriterien die Kosteneffizienz um 13 bis 15 Prozent verbessern könnten. In einem vereinfachten Modellszenario erreicht der Effekt sogar bis zu 41 Prozent.
Dieser höhere Wert ist allerdings nur eingeschränkt auf die Praxis übertragbar. Das zugrunde liegende Szenario berücksichtigt Unterschiede zwischen Branchen, Anlagengrößen und Kostenstrukturen nicht.
Die Ergebnisse sind damit keine Prognose konkreter Budgeteinsparungen, sondern zeigen, welches Potenzial in einer anderen Verteilung der Fördermittel liegen könnte.
Dass die Wasserstoffförderung vor Herausforderungen steht, verdeutlichen auch die Zahlen der Europäischen Wasserstoffbank: Laut den in der Studie angeführten Angaben wurden 2025 von einem Gesamtbudget von 1,2 Milliarden Euro lediglich 270 Millionen Euro vergeben.
Empfehlungen für die EU-Förderpolitik
Die EU verfolgt das Ziel, bis 2030 jährlich zehn Millionen Tonnen erneuerbaren Wasserstoff selbst zu produzieren und weitere zehn Millionen Tonnen zu importieren. Langfristig soll grüner Wasserstoff bis 2050 rund zehn Prozent des Endenergieverbrauchs decken.
Um diese Ziele zu erreichen, empfehlen die WU-Forschenden, das regionale Nachfragepotenzial künftig stärker in Förderentscheidungen einzubeziehen. Denkbar wäre dies bei Auktionen der Europäischen Wasserstoffbank, bei Infrastrukturinvestitionen im Rahmen von REPowerEU sowie bei Förderprogrammen für sogenannte Hydrogen Valleys.
„Angesichts begrenzter finanzieller Ressourcen und der vielfältigen Herausforderungen der Energiewende liefert unsere Analyse eine wichtige evidenzbasierte Grundlage für wirksamere politische Maßnahmen“, sagt Kavita Surana, Leiterin von IDEaS an der WU Wien und Mitautorin der Studie.
Die zentrale Schlussfolgerung: Für den Aufbau einer europäischen Wasserstoffwirtschaft reicht es nicht aus, möglichst günstige Produktionsanlagen zu fördern. Entscheidend ist auch, ob sich daraus eine breitere industrielle Nachfrage entwickeln kann.
