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Frieden studieren

Die österreichische Friedens- und Konfliktforschung leidet unter prekären Verhältnissen. Ab Herbst soll es an der Universität Innsbruck Österreichs aber einen regulären Master-Studiengang für Peace Studies geben.

von: Norbert Regitnig-Tillian

Osterfriedensmarsch 2022 in Wien. Eigentlich müsste man glauben, dass in Zeiten des Ukraine-Krieges der Zulauf zu Aktionen für den Frieden groß sein müsste. Vor der russisch-orthodoxen Kirche im dritten Wiener Gemeindebezirk versammelt sich auch ein Grüppchen Menschen. Das Durchschnittsalter liegt zwischen 60 bis 70 Jahren. Ansprachen zur Verurteilung des Angriffskrieges Russlands werden gehalten, Appelle für Waffenstillstand und Friedensverhandlungen verlesen. Dann zieht man weiter, vorbei an der ukrainischen Kirche zum Stephansplatz. Aber die Schar von knapp 60 Personen geht bei der Abschlusskundgebung unter den ostermontäglichen Touristen am Stephansplatz fast unter.

„Wir leiden unter Nachwuchsproblemen“ sagt Peter Degischer vom Aktionsbündnis für Frieden, Aktive Neutralität und Gewaltfreiheit (ABFANG), einem der Initiatoren des Friedensmarsches. Zwar beteiligen sich an ABFANG fast 40 Organisationen, vom Gewerkschaftlichen Linksblock bis hin zur ARGE Schöpfungsverantwortung. Die Jungen aber bleiben trotzdem aus: „Statt für den Frieden engagieren sich junge Leute heute mehr gegen den Klimawandel.“

Nachholbedarf
Auch an den Universitäten schaut es ähnlich aus. Friedens- und Konfliktforschung war in den letzten Jahren kein großes Thema mehr. Zwar gibt es an allen Universitäten kleinere Zentren, wie in Graz, Klagenfurt oder Innsbruck. Zudem ist die Friedens- und Konfliktforschung auch Teil des Curriculums in den Politikwissenschaften im Bereich der Internationalen Beziehungen. „Die Hochzeiten der Friedens- und Konfliktforschung lagen aber in Zeiten des Kalten Krieges“, sagt der Politikwissenschaftler Heinz Gärtner, langjähriger Professor für Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Wien. Während der breiten Friedensbewegung in den 1980er Jahren wurden Theorien für (gewaltfreie) Konfliktlösung und erfolgreiche Friedensinitiativen weiterentwickelt und wirkten so weit in die Gesellschaft hinein. Auch Österreich spielte dabei international eine nennenswerte Rolle. 1982 wurde auf Initiative der Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg das Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung auf der Burg Schlaining gegründet. In den Jahren darauf nahmen an den Workshops und Seminaren Galionsfiguren der internationalen Friedens- und Konfliktforschung teil, wie etwa Johan Galtung, Ekkehart Krippendorff oder Dieter Senghaas. Die Publikationen stellten Standards der internationalen Forschung dar. Später wurde der Rang Schlainings aber von zum Teil neu gegründeten Zentren in Deutschland abgelaufen, sagt Gärtner, und auch das Interesse der Studierenden am Fach ließ nach. Dennoch, auch heute wird noch Theorie produziert, selbst wenn die Breitenwirkung geringer erscheint. So befasst sich etwa Claudia Brunner an der Universität Klagenfurt als derzeit einzige in Österreich in Friedensforschung habilitierte Professorin mit neuen Formen der Gewalt. Sie untersucht beispielsweise wie „epistemische Gewalt“, das heißt Wissen, Urteile und Vorurteile als „Waffe“ wirkten können, beziehungsweise wie dies vermieden werden kann.

Prekäre Verhältnisse
Aber der Eindruck entsteht: Alles eher klein, klein. „Wir leiden in der Friedensforschung heute eher unter prekären Verhältnissen“, sagt Andreas Oberprantacher, der seit 2021 den Universitätslehrgang für Peace Studies an der Universität Innsbruck leitet. Dieser wurde zwar schon 2001 gegründet und 2008 auch mit einem UNESCO-Lehrstuhl bedacht. Dennoch war das eher eine „One-Man-Show“ mit wenig Ressourcen. „Unser Fach hat ja an sich keine disziplinäre Heimat“, sagt Oberprantacher. Ansätze der Friedens- und Konfliktforschung stammen aus der Soziologie, Geschichte und Philosophie, aber auch aus den Rechts- und Politikwissenschaften oder Pädagogik. Der große Vorteil dieser Inter- und Transdisziplinarität wird damit auch zum Boomerang. „Es fehlt das institutionelle Backing beim Streit um knappe universitäre Personal- und Forschungsressourcen.“

Neues Masterstudium in Innsbruck
In Innsbruck gibt es aber einen Hoffnungsschimmer. Für das Studienjahr 2022/23 sei an der Universität Innsbruck geplant, die derzeitigen „Peace Studies“ in Form eines universitären Lehrganges in ein reguläres Masterstudium zu überführen.

Altes Wissen für aktuelle Konflikte
An sich hätte das Fach zur Deutung und Lösung aktueller Konflikte auch im Ukraine-Krieg durchaus etwas beizutragen. „Themen, die heute diskutiert werden, haben wir auch schon in den 1980er Jahren diskutiert“, sagt etwa der Klagenfurter Friedenspädagoge Werner Wintersteiner. Genauso könne man etwa auf historische Lösungs- und Irrwege hinweisen, auf Wirkungen von Eskalation, Kriegs- und Hochrüstungslogik, beziehungsweise auf Möglichkeiten und Ansätze zur Deeskalation, vertrauensbildender Maßnahmen oder Formen des gewaltfreien Widerstandes. „In emotional aufgeheizten Konfliktsituationen werden rationale Lösungsansätze aber heute wie gestern gerne ausgeblendet.“

Tauben und Falken
Dabei ist die Friedens- und Konfliktforschung von ihren Ansätzen her nicht auf Gewaltfreiheit fixiert. Mitunter werden ihre großen Theorieschulen mit „Tauben“ und „Falken“ verglichen. Zu den Tauben zählen Friedensaktivisten aber auch „Idealisten“ für Freiheit und Demokratie, zu den Falken Militärs, auch Realisten genannt. Deren Motto: Die Welt ist schlecht. Man muss sich schützen. „Tauben wollen den Frieden“, sagt Wintersteiner, „aber verhandeln werden ihn die Falken.“ Dabei erscheinen oft die Falken vorsichtiger als die Tauben. „Sie können sich mitunter besser in die Kriegslogik des Gegners hineinversetzen.“

Kooperation mit Bundesheer
Sicherheitspolitische Konfliktforschung zählt auch zu den Aufgaben der österreichischen Landesverteidigung. Aber Lageeinschätzungen anhand theoretischer militärischer Strategiekonzepte oder die Diskussion von Fragen rund um Chancen und Risken von „gerechten Kriegen“ intereressiert eben auch zivile Friedens- und Konfliktforscher. Ob man selbst zum „Peacekeeper“ oder Mediator in Krisenregionen taugt, kann man bei den Peace Studies in Innsbruck gleich hautnah erleben. In Kooperation mit dem Bundesheer spielt man in einem einwöchigen Rollenspiel-Modul in der Wattener Lizum Friedenseinsätze durch. „Das kann durchaus stressen“, sagt Oberprantacher. „Studierende werden daher psychologisch betreut.“

Manchmal, so Oberprantacher, müsse man als Friedens- und Konfliktforscher (politische) Akteure auch mit der bitteren Einsicht konfrontieren, dass Konflikte – wenn überhaupt – nur in einen langsamen und oft jahrzehntelang dauernden Transformationsprozess gelöst werden können.  Das könnte auch im Konflikt zwischen Russland und Ukraine der Fall sein.

Selbstkritisch müsse man sich aber auch fragen, ob die Friedensforschung vielleicht auch etwas übersehen habe, meint Wintersteiner: „Vielleicht haben wir zu viel auf Entwicklungen im Westen geschaut und Entwicklungen im Osten zu wenig Beachtung geschenkt.“ Dem pflichtet im Prinzip auch Heinz Gärntner bei. Der Krieg in der Ukraine wirft für die Friedensforscher jedenfalls eine Reihe neuer Forschungsfragen auf. Gärtner: „Vor allem in der Kriegsursachenforschung erwarten wir viel neue Forschungsaktivität.“

Friedens- und Konfliktforschung:

Universität Klagenfurt, Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung
aau.at/erziehungswissenschaft-und-bildungsforschung

Universität Graz, Demokratie-, Friedens- und Konfliktforschungscluster
rewi-grundlagen.uni-graz.at/de

Universität Innsbruck, Unit for Peace and Conflict Studies
uibk.ac.at/peacestudies

Burg Schlaining: Österreichisches Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung.friedensburg.at

International Institute for Peace (IIP)
www.iipvienna.com

Aktionsbündnis für Frieden, Aktive Neutralität und Gewaltfreiheit (ABFANG)
abfang.org

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